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Sardiniens Nordwesten

06/07/2013 • Travel Blog, Travel Reports

Sardinien, die zweitgrößte Insel des Mittelmeeres, lockt im Juli mit Temperaturen um die 30° Celsius, was aufgrund der oft vorherrschenden Winde an der Küste als sehr angenehm empfunden wird. Basisort für diese Tour war die Stadt Olbia, direkt gelegen an den südlichen Ausläufern der schon in einem der älteren James-Bond-Filme als Kulisse dienenden Costa Smeralda. Olbia ist ein bedeutender Fähr- und Kreuzfahrthafen. Durch Konsolidierungen hatte sich der Fährverkehr zur Insel in den letzten zwei Jahren verändert und es war Zeit, mal wieder nach dem Rechten zu schauen.

 

DSC07125Unsere Zeit bringt viele Dinge mit sich, die noch vor wenigen Jahren undenkbar waren. Eine der einschneidenden Veränderungen in der Seeschifffahrt der letzten Jahre war die Einführung von AIS (Automatic Identification System). Eigentlich war das ein rein “nautisches” System, welches aber wenig später als Nebeneffekt mit sich brachte, dass findige Leute AIS-Signale öffentlich ins Internet stellten. So wurde es möglich, jedes AIS-aussendende Schiff (die Berufsschifffahrt ab Größen von 300 BRZ muss AIS an Bord haben, ebenso Schiffe, die länger als 20 Meter sind oder mehr als 50 Passagiere an Bord haben) grafisch auf Karten zu orten. Morgens also vor der Fahrt zum Flughafen gleich mal bei MarineTraffic nachgeschaut, wo die erst seit wenigen Wochen zur Insel Sardinien verkehrende griechische Fähre KRITI I genau war – plangemäß auf dem Weg von Livorno nach Olbia –, dann auf dem Flug das Glück gehabt, unter anderem die KRITI I zu überfliegen (Moby und Corsica Ferries ließen sich ebenso ausmachen) und schließlich noch genügend Zeit, um sie in Lido del Sole auf den Chip zu bannen.

Es war das erste Mal (für mich), dass mittels Global-Prepaid-Internetflatrate und iPad-App über MarineTraffic der ein- und auslaufende Fährverkehr praktisch vom Strand, Hotel oder dem Auto aus mitverfolgt wurde. Tja, willkommen im 21. Jahrhundert. Was ist bloß aus der Seefahrt geworden, wo Schiffe einst abfuhren und dann ihre Ruhe vor “Beobachtern” hatten? Heute kann man jede Seemeile online mitverfolgen. AIS sei Dank. Den Ship-Spotter freut es, zu wissen, hinter welchen Klippen sich gerade eine Fähre versteckt, um nicht unnötig in der prallen Sonne stehen zu müssen und Zeit zu verschwenden, die man gerade auf Sardinien eigentlich nicht hat und sehr gut für andere schöne Dinge nutzen kann.

Sardinien wurde von unserem Flieger, einer Boeing 737-800, von Nordost angeflogen, direkt über Porto Cervo, mit schönem Blick auf Teile der Costa Smerlada, nämlich die Gegend um Palau und die Inselgruppe La Maddalena. Warum die Costa Smeralda so heißt, wird aus dem Flugzeug sehr gut deutlich: Das Wasser ist smaragdblau. Man möchte am liebsten direkt hineinspringen und erstmal eine Runde in dem kristallklaren Wasser tauchen.

Um auf dem Flughafen von Olbia von Westen her zu landen, ging es zunächst noch einmal tief ins Inselinnere, vorbei am Lago del Liscia, ehe Olbia über das westliche Hinterland angeflogen wurde. Es war noch genug Zeit, sich nach Lido del Sole aufzumachen, wo man die ein- und auslaufenden Fähren sicher am besten fotografieren kann.

 

DSC06975Lido del Sole 

Das Jahr 2013 brachte im Sardinienverkehr also als sicherlich „aufregendste“ Neuerung den Einsatz von Aneks KRITI I, die man in diesen Gewässern wohl nie vermutet hätte. Wie lange das ursprünglich aus Japan stammende Fährschiff im Tyrrhenischen Meer verbleibt, wird sich zeigen. Zumindest brachte es den Ansporn mit sich, eine Anek-Fähre – sonst nur in Griechenland oder der Adria bekannt – in sardischen Gewässern zu fotografieren.

Bei Lido del Sole gibt es einen  für die meisten Sardinien-Urlauber unbekannten Strand, der nur über abseits gelegene, fast versteckte Wege erreichbar ist. Nicht umsonst heißt es von Sardinien oft, es sei ein Abenteuerspielplatz. Das wird in Lido del Sole deutlich: Der dort hinführende Weg ist von Schlaglöchern übersät, er windet sich über unterschiedliche Pfade und Pinien-Gruppen. Man muss aufpassen, dass man nicht im Sand stecken bleibt, hat aber, wenn man einmal angekommen ist, eine Stelle gefunden, die unberührt ist und nur von wenigen gekannt wird. Man kann die Bäume sehr gut als Schattenspender nutzen und es den wenigen anderen hier gleichtun und picknicken. Leider ist der Strand hier teilweise etwas verdreckt, was durch den vielen Plastikmüll kommt, der hier bei Sturm angespült wird.

DSC06558Lido del Sole ist also kein Touristenort und zum Baden auch nicht geeignet. Zwar auf den ersten Blick (und manche gehen auch ins Wasser), aber hier herrschen gefährliche Strömungen. Ich war schon oft hier und weiß aus Erfahrung, dass man zum Fotografieren nicht zu nah ans Wasser gehen sollte, weshalb ich mich in einem Abstand von 7 Metern mit dem Stativ postierte, die komplette Kameraausrüstung samt der Objektive ablegte und in Sicherheit wog.

Die großen Schiffe fahren hier schnell vorbei und da es ein Engpass ist, sieht man sehr gut, wie sie erst die Wassermassen mit sich ziehen, ehe jene wieder zurückströmen. Manchmal aber braucht es kein Schiff, manchmal reichen auch die Wellen aus, um Land unter zu haben. Noch während die KRITI I „im Anflug“ war, kam es zu einer ungewöhnlich hohen Welle und meine Fototaschen schwammen plötzlich im Wasser, während das Stativ ebenfalls umspült war. Geistesgegenwärtig schnappte ich mir die Taschen. Zum Glück blieb alles heile, aber es zeigte mir: auch 7 Meter sind hier nicht genug!

DSC07224Was gibt es zum Fährverkehr 2013 in Olbia zu sagen? Es ist weniger geworden. Eben jene Konsolidierungen/ Effizienzsteigerungen haben zur Ausdünnung geführt. Große Namen wie Grandi Navi Velocci und SNAV sind hier nicht mehr zu sehen. Sie sind noch da, aber eben nicht mehr mit eigenen Schiffen. Moby Lines fuhr wie in den letzten Jahren mit den Korea-Bauten der MOBY-WONDER-Klasse sowie MOBY TOMMY von Livorno, Piombino und Civitavecchia sowie den alten „Eimern“ MOBY OTTA und MOBY DREA von Genua und unsere Freunde von Tirrenia waren natürlich ebenfalls mit von der Partie. So stach die KRITI I schon ins Auge, wenngleich auch sie bereits im betagten Rentenalter ist. Aber das japanische Design ist eben einfach „außergewöhnlich“ für unsere Breiten und damit ein Hingucker.

 

DSC07373Ab nach Arbatax 

Ein sehenswerter Ort auf Sardinien ist Arbatax bei Tortoli. Dort ragen rote Porphyrspitzen, die sogenannten Felsen von Arbatax, in den Himmel. Diese Sehenswürdigkeit sollte sich kein Sardinienurlauber entgehen lassen, zumal der Weg das Ziel ist. Die Fahrt über die Insel, durch das Gebirge, ist sehr zu empfehlen.

DSC07424Arbatax ist gleichzeitig einer der Orte, von wo aus mit Fähren die Festlandhäfen erreichbar sind. Tirrenia hält hier die Fahnen hoch, wenngleich für den Beobachter nicht wirklich ersichtlich ist, warum man JANAS von Olbia aus losschickt, um einmal an der sardischen Küste nach Süden entlangzufahren (womöglich noch leer?), nur um in Arbatax ein paar Autos zu laden, die zum Festland wollen. Lohnt sich das? Mittlerweile geht das Gerücht um, dass Tirrenia den Genua-Olbia-Arbatax-Dienst einstellen will, was dort wiederum erst einmal dementiert wurde. Mal sehen, wie oft sich Tirrenia noch in Arbatax blicken lässt…

Ebenso erstaunlich war das Anlegemanöver in Arbatax. Bei meinem letzten Besuch dort war es fast windstill, und trotzdem nutzte die BITHIA einen Schlepper zum Anlegen. Diesmal wehte ein kräftiger auflandiger Wind und JANAS macht alles allein, wenngleich deutlich zu sehen war, wie sie zu kämpfen hatte. Ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich die Kapitäne so sind…

 

IFÜber die Straße von Bonifacio 

Zwischen Santa Teresa di Gallura im Norden Sardiniens und Bonifacio im Süden Korsikas bieten Moby Lines und Saremar mit jeweils einer Fähre einen Tagesfährdienst an. Während es schwierig ist, Saremar im Internet zu buchen, ist es bei Moby einfach und komfortabel. Das sah man auch im Hafen. Die Abfahrt der zu Saremar gehörenden ICHNUSA war fast leer, die von Moby gut gefüllt. Ein Zeichen dafür, welche Bedeutung E-Commerce in der Fährschifffahrt hat.

IFMoby setzt schon seit letztem Jahr statt der BASTIA die GIRAGLIA ein, die ich noch im Februar 2012 in Piombino auf der Strecke nach Elba sah. Nun fährt sie seit mehr als einem Jahr zwischen Sardinien und Korsika. Wie die meisten italienischen Fähren ist auch sie sehr gepflegt. Natürlich gehört auch dieser Oldtimer im wahrsten Sinne des Wortes zum alten Eisen, aber das tut der Fahrt keinen Abbruch. Das ist noch „echte“ Fährfahrt, so, wie man es aus der Kindheit kennt: Ein lautes Schiff, dessen Dröhnen der Hauptmaschinen so laut ist, dass man an Deck fast schreien muss, um sich zu verstehen. Es hat was, so zur See zu fahren, während „zarte“ Gemüter sich sicher auf eines der heutigen, aber eben etwas anderen Schiffe sehnen. Auf der GIRAGLIA dagegen gibt es noch jene steilen Auf- und Niedergänge und schmale, mit hohem Süll gebauten Türen. 1970er-Jahre-Style vom Feinsten (ja ja, liebe Experten, ich weiß, der Dampfer ist aus 1981, aber das Design kommt eben aus den tiefen 1970ern), meist schon längst der Verschrottung zugeführt. Im Inneren steht ein großer Raum mit Sitzplätzen zur Verfügung, dazu eine kleine Cafeteria mit typischem italienischen Essensangebot. Es macht Spaß, mit dem kleinen Schiff nach Korsika und zurück zu fahren. Von weitem ließ sich sogar die (ebenfalls griechische) EL. VENIZELOS ausmachen, die in Charter für die französische SNCM fuhr und gerade von Afrika kommend die Straße von Bonifacio durchquerte.

IFBonifacio auf Korsika ist sicherlich einer der interessantesten Häfen im Mittelmeerraum. Große Kreidefelsen säumen den Hafen und die Marina. Etwas oberhalb liegt die mittelalterliche Altstadt, die Ville Haute, auf einem 900 Meter langen Plateau, etwa 70 Meter hoch. Die Häuser stehen auf den ausgewaschenen Felsen wie auf einem Balkon und man kann nicht recht glauben, dass deren Bewohner nachts wirklich ruhig schlafen können…

Bonifacios Zitadelle bietet einen herrlichen Blick über das Wasser und in die Einfahrt des Naturhafens.

 

Ein genialer Abschied 

Der Rückflug nach Deutschland führte ab Olbia zunächst mit einem Start nach Westen, der wieder über das Hinterland führte. Diese Route verhalf diesem Sardinienaufenthalt zu einem genialen Abschied, denn sie führte nach einer Rechtsdrehung über Santa Teresa di Gallura und die Straße von Bonifacio direkt über Korsika. Zunächst ließen sich die Bergstadt Sartène und der Küstenort (und Fährhafen) Propriano ausmachen, die aus dieser Höhe betrachtet in Sichtweite zu Ajaccio (ebenfalls Fährhafen) lagen. Sehr schön erkennbar war das Gebirge mit den zahlreichen Zweitausendern. Der höchste Berg Korsikas, der Monte Cinto, mit seinen schneebedeckten Flanken lag unter uns und es war doch sehr erstaunlich, auf die von hier oben so gering wirkenden Distanzen zu schauen. Nach nur wenigen Minuten war dann die Nordküste erreicht. Calvi und L’Île Rousse zeichneten sich sehr schön ab, ehe es raus aufs Mittelmeer ging, zum Abschluss noch einmal Genua und die Po-Ebene überflogen wurden. Nach einer schönen Zeit auf Sardinien begann dann wieder der Alltag.

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