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Mit ATLANTIC VISION ‚gemütlich‘ durch die stürmischen Gewässer Neufundlands

15/05/2019 • Canada, Ferry Crossings, Kanada Ost, Marine Atlantic, North America, North Sydney, Port aux Basques, Seereisen, Travel Blog, Travel Reports

Es war ein Wiedersehen nach 16 Jahren, denn auf diesem Schiff war ich einst als 2. Nautischer Offizier tätig. Wenngleich meine Zeit an Bord nur kurz war, so erlebte ich doch die intensive Phase der Vorab-Taufe der SUPERFAST IX noch bei HDW in Kiel hautnah mit. Es war deshalb ein besonderer Augenblick für mich, als ich das von der kanadischen Reederei Marine Atlantic gecharterte Schiff im neufundländischen Argentia für eine Reise nach North Sydney auf Cape Breton in Nova Scotia betrat.

Und diese Reise hatte es in sich. Denn sie verlief nicht „normal“. Über der Cabot Strait, jene Meerenge, die Neufundland von Cape Breton trennt, tobte ein Sturm und ließ den Kapitän die Entscheidung treffen, unter der südlichen Küste Neufundlands abzuwettern. Da die Fahrt über Nacht ging, verzichtete man auf Lautsprecherdurchsagen, so dass am Morgen des 26. Juni 2018 zur Überraschung aller nicht der Hafen von North Sydney in Sicht kam, sondern der von Port aux Basques. Von hier verkehren ebenfalls Fähren der Reederei Marine Atlantic nach North Sydney.

Und obwohl das Schiff zu diesem Zeitpunkt schon fast im Zielhafen hätte sein sollen, gelang es am Ende, die Verspätung bei gerade einmal rund 4 Stunden zu halten. Wie das funktionierte? Die Antwort liegt im Schiff bzw. seinem ehemaligen Namen begründet: Superfast. 4 Dieselmotoren von Wärtsilä-Sulzer mit insgesamt 46.000 kW, die das Schiff auf über 30 Knoten bringen können. Zwar war der Sturm noch nicht vorüber, flaute aber langsam ab. Mit hoher Geschwindigkeit arbeitete sich die ATLANTIC VISION von der Südwestküste Neufundlands Meile für Meile durch die aufgewühlte Cabot Strait, um gegen Mittag bei mehr und mehr heiterem Wetter in North Sydney einzulaufen. Absolut beeindruckend war das Seegangsverhalten der in Kiel gebauten Fähre, die trotz achterlicher See fast wie ein Brett im Wasser lag.

Soviel zum ungeplanten Teil der Reise. Da Kanadier genügsam sind, war die mehrstündige Verspätung kein Problem. Der Bordalltag ging seinen gewohnten Gang; im Buffetrestaurant wurde ein üppiges Frühstück geboten und auch sonst mangelte es den Passagieren an nichts. Letztlich sorgte die Entscheidung des Kapitäns für eine ruhige Nacht, was sicherlich niemanden sonderlich störte.

Ich empfand das Schiff in Kombination mit dem äußerst ungastlichen Wetter als extrem gemütlich. Meinetwegen hätte die Fahrt gerne auch noch länger dauern dürfen. Noch sehr viel erinnert an die Zeiten bei Superfast; ja gar Schriftzüge und Logos sind noch erkennbar. In einem anderen Bereich fand ich Teppich von Stena Line… Der Innenbereich tröstete ein wenig über den Außenbereich hinweg, der mit einigen Roststellen zu kämpfen hatte und nach Veröffentlichung meines Videos für einige Diskussionen unter Schiffsfreunden sorgte.

Das gastronomische Angebot war sehr gut; wenngleich „fährentypisch teuer“. Man kann gar nicht so viel Essen, wie man für das Buffet bezahlen muss. Als Alternative blieb ein á la carte Restaurant, aber das wäre mir dann doch etwas zu dick aufgetragen gewesen.

Vieles auf diesem Schiff brachte mir Wiedererkennungseffekte. Das Restaurant Eggs, die bunte vordere Lounge mit ihren weichen Polstern, ein gemalter Superfast-Ballon an der Wand… In der Lounge gab es am Abend sogar Live-Musik. Lediglich der Spa- und Wellnessbereich scheint dauerhaft geschlossen zu sein.

Im Januar 2002 betrat ich erstmals das damals SUPERFAST IX heißende Schiff. Mit dem Zug fuhr ich bis zum Kieler Hauptbahnhof, um von dort per Taxi zur HDW gebracht zu werden, wo sich das Schiff – bereits nahezu fertig – in der Endausrüstung befand. Ich war Teil einer griechisch-deutschen Besatzung mit einem jungen griechischen Kapitän. Der Staff Captain stammte ebenfalls aus Griechenland. Beide hatten schon diverse Superfast-Fähren von der Werft übernommen, so nun auch die SUPERFAST IX. Zwar gab es später eine offizielle Taufe, doch nach griechischer Tradition sollte das Schiff seine Bauwerft nicht ohne eine Zeremonie verlassen und so kam eines Tages der Superfast-Geschäftsführer Alexander Panagopoulos zu uns, im Schlepptau einen griechischen Geistlichen, und ließ das Schiff „vorab“ taufen, samt Segnung. Da wurde auf der Brücke eine gehörige Portion Weihwasser verspritzt. Manch Kollege hatte zwar etwas Sorge um Radargeräte und Co., doch am Ende ging alles glatt.

Panagopulos war 1993 Mitbegründer von Superfast Ferries unter der Attica Group, einer in Griechenland börsennotierten Gesellschaft, die von der Familie Panagopulos kontrolliert wurde. Als CEO von Superfast Ferries, Tochtergesellschaft der Attica Group, war er für den Bau von 17 Passagierfähren auf Werften in Deutschland, Finnland, Holland und Korea verantwortlich, die einen Auftragsbestand von über 1,5 Mrd. € aufwiesen. Er entwickelte die Expansion der Attica Group zu einem 23 Schiffe umfassenden Unternehmen mit Routen in Griechenland, Italien, Finnland, Deutschland, Schottland und Belgien.

Im Jahr 2001 hatte Superfast mit der schwedischen Regierung einen Vertrag über den Betrieb einer Fährverbindung zwischen Södertälje in Schweden und Rostock für zehn Jahre (ab Frühjahr 2002) abgeschlossen, der im Januar 2002 von SUPERFAST IX eröffnet wurde. Die Strecke erwies sich als schnell unrentabel und wurde bereits im April desselben Jahres stillgelegt. Im Mai 2002 startete SUPERFAST IX zusammen mit ihrer Schwester SUPERFAST X einen neuen Dienst für Superfast, der Rosyth (Schottland) mit Zeebrugge (Belgien) verband. Im November 2005 wurde SUPERFAST IX schließlich auf die Hanko-Rostock-Linie verlegt.

Im März 2006 verkaufte Superfast sein Ostseegeschäft für 310 Millionen Euro an Tallink, was das Ende der griechischen Präsenz im Ostseefährverkehr bedeutete. SUPERFAST IX wurden in Paldiski (Estland) registriert und zwischen April und Juni 2006 kurzzeitig auf der Route Hanko-Paldiski-Rostock eingesetzt, was allerdings zu Problemen führte, da Estland nicht Mitglied des Schengen-Raumes war. Gemäß einer Vereinbarung konnte Tallink den Superfast-Marketingnamen bis Ende 2007 beibehalten.

Mit Beginn des Jahres 2007 hieß die Schiffsroute dann Tallinn-Helsinki-Rostock.

Im April 2008 vereinbarte Tallink eine fünfjährige Vercharterung an Marine Atlantic, beginnend an Oktober 2008. SUPERFAST IX stellte den Dienst bei Tallink am 31. August 2008 ein und wurde bei der Turku Repair Yard in Naantali für den Dienst in Kanada umgerüstet. Am 14. November 2008 wurde das Schiff offiziell an Marine Atlantic übergeben und kam am 7. Dezember auf Neufundland an. Am 1. April 2009 nahm die in ATLANTIC VISION umbenannte Fähre auf der Strecke Port-aux-Basques-Nord-Sydney den Dienst auf.

Seitdem befährt das Schiff die Cabot Strait. In den Sommermonaten bedient es auch die Strecke North Sydney – Argentia.

Hier geht es zu den Galerien:

Galerie Argentia

Galerie Passage Argentia – North Sydney

Hier sind die Videos:

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