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Ein Roadtrip durch British Columbia und Washington

23/09/2012 • Roadtrip, Travel Blog, Travel Reports

Diese Reise ging in den Westen Nordamerikas, dort, wo Kanada an die Vereinigten Staaten grenzt. Ein Roadtrip durch die kanadische Provinz British Columbia und den US-Bundesstaat Washington.

 

4-teilige Video-Reportage dieser Reise mit Radiomoderator Stephan Kaiser als Sprecher:

Teil 1: Vancouver – Tsawwassen – Anacortes – Mukilteo

Teil 2: Edmonds – Southworth – Vashon – Tacoma – Seattle

Teil 3: Seattle – Bainbridge – Bremerton – Port Angeles – Nanaimo – Horseshoe Bay

Teil 4: Vancouver – Saltery Bay – Powell River – Heriot Bay – Tsawwassen

 

IFWashington ist geprägt durch schneebedeckte Berge, smaragdblaue Gewässer rund um Seattle sowie den Puget Sound, eine weitverzweigte, inselreiche Bucht, die tief ins Landesinnere hineinreicht. Viele kleinere und größere Städte liegen am Sound, unter anderem Seattle und Tacoma. Dessen vorgelagert sind Inseln wie Bainbridge Island, die San Juan Islands und Vashon, um nur einige wenige zu nennen.

Für tägliche Verbindungen in dieser Inselwelt sorgen die Washington State Ferries mit ihren 22 Fähren und 10 Linien. Jedes Jahr befördern die Washington State Ferries 24 Millionen Passagiere. Pro Tag werden auf den 10 Linien insgesamt über 450 Überfahrten angeboten. Man nennt das Ganze hier “Fährsystem”. Grundsätzlich ist keine der Fähren an eine bestimmte Route gebunden und so besteht eine hohe Flexibilität, sollte mal ein Schiff ausfallen oder zur Überholung in die Werft müssen.

Washington hat viel zu bieten. Nicht umsonst wird der Staat als “Evergreen State” bezeichnet – immergrün. Hier kommt jeder auf seine Kosten, ob nun Naturliebhaber oder Städtetourist. Drei Nationalparks, über 8000 Seen, ein aktiver Vulkan, Fischerdörfer, Künstlerkolonien, viel Kultur – es ist selbst für Einheimische schwer, alles gesehen zu haben. Dazu kommt ein sehr entspannter, liberaler Lebensstil.

IFAn Washingtons Norden grenzt Kanada mit der Provinz British Columbia, kurz BC. Sie ist die südwestlichste aller kanadischen Provinzen. Und deren drittgrößte. Übrigens mehr als zweimal so groß wie Deutschland. BC ist Natur pur. Ein weitläufiges Land, das einen Kontrast aus Wasser, Bergen und Wäldern bildet. Unzählige Inseln säumen die zerklüfteten Ufer. Von Vancouver aus, der größten Stadt in BC, gelangt man über gut ausgebaute Straßen und Verkehrssysteme in den spektakulären Norden, der an Alaska grenzt.

Wie auch in Washington bieten Fähren überall dort, wo Wege durch das Wasser getrennt sind, ein komfortables Weiterkommen. BC Ferries, der Hauptbetreiber der Fährlinien, verfügt über 36 Schiffe und ist damit die größte Fährreederei Nordamerikas.

 

IFVon Frankfurt nach Vancouver

Diese Reise begann in Frankfurt, diesem irrwitzigsten aller deutschen Flughäfen, wo man lange zu Fuß unterwegs sein kann, ohne einen Punkt des Nichtweiterkommens zu erreichen. Eine künstliche Stadt, die wie ein dicker Brocken vor dem großen Ziel liegt und überwunden werden muss. Das Lufthansa-Kabinenpersonal hatte noch am Vortag gestreikt und so verwunderte es kaum, dass der Flug mit einer satten Stunde Verspätung auf den großen Anzeigetafeln stand. Ebenso verwunderte es kaum, dass man erst in die eine Abfertigungshalle und dann wieder in die andere geschickt wurde. Dazwischen stets eine weitere Sicherheitskontrolle, mit allem, was dazugehört, also anstellen, Sachen aufs Band legen, Frage nach Notebook und so weiter. Der Flug dauert knapp 11 Stunden.

IFEs ist ja schon irgendwie ein großer Schritt; ein Schritt von der einen in die andere Welt. Für Weltenbummler und Reisebegeisterte ein immerwährendes Gefühl der Spannung, endlich anzukommen, da zu sein, im Land der wochenlang vorher gehegten Träume. Und wenn es dann endlich unter einem auftaucht, zuerst die Gipfel der Coast Mountains, dann Coquitlam, New Westminster, schließlich Burnaby und in der Ferne die Hochhäuser von Vancouver, das sich plötzlich mit seinen endlosen Straßenzügen zunächst noch mehr als 1000, später nur noch einige 100 Meter unter einem wie ein Reißbrett erstreckt, dann fühlt man ein Glücksgefühl. Endlich da… Amerika! Wir landen gleich in Amerika! Bedarf es da noch weiterer Worte?

IFEs geht schnell, wenn man erst einmal durch die Grenzabfertigung ist, das Gepäck geholt und den Mietwagen gestartet hat. Plötzlich ist man drin, mitten im „überseeischen“ Leben. Auf dem Weg nach Tsawwassen. Links und rechts hauptsächlich amerikanische Autos, oftmals die bei Amerikanern so beliebten Trucks mit Namen wie RAM 3500 oder Silverado. Riesengroße Kisten. So schiebt man sich auf dem Vancouver Blaine Highway zügig nach Tsawwassen voran, kommt durch den George Massey Tunnel, an Delta vorbei, ist plötzlich in einer Art Tiefebene die stark an die Gegend zwischen Peine und Braunschweig erinnert und hat ihn vor sich, den kilometerlangen Damm, der zum Fährterminal Tsawwassen führt.

 

Reise in die Vereinigten Staaten

Geplant war zunächst der Abstecher nach Süden in den US-Bundestaat Washington. Also ging es über die BC-Ferries-Linie Tsawwassen-Swartz Bay nach Vancouver Island und von dort per Fähre in die Vereinigten Staaten. Die Entscheidung, ob man rein darf, bekommt man erst an der Grenze mitgeteilt. Hat der Grenzbeamte Vorbehalte, so klappt es nicht und man kann nichts machen.

IFEntsprechende Spannung war vorhanden, als es im Washington-State-Ferries-Terminal im kanadischen Sidney kurz nach dem Ticketkauf zur Bordercontrol ging. Hier muss jeder durch. Die US-Amerikaner und Kanadier brauchen nur ihren Pass zu zeigen, alle anderen (natürlich auch wir Deutschen) müssen erstmal rechts ranfahren und aussteigen. Die ganze Sache wurde nicht einfacher dadurch, dass ich kurz vor der Bordercontrol (genau genommen 3 Meter davor) ein Stoppschild überfuhr. Nicht gesehen. Der amerikanische Grenzbeamte aber. Kam auch gleich aus seinem Häuschen und fragte böse, ob das Schild für mich denn keine Bedeutung habe. Schild? Was denn für ein Schild? Ich hatte gar keins gesehen. Da der erste Eindruck ist immer ein Entscheidender ist, war die Spannung noch größer, ob es überhaupt Richtung USA gehen kann. Immerhin waren bereits die ersten Minuspunkte durch illegales handeln gesammelt.

IFIrgendwann war es also soweit. Auto in eine Extraspur (“Ausländerspur” oder “Nicht-Amerikanerspur”) und rein ins Haus der Homeland-Security. Der Pass musste abgegeben werden. Dann die Ausfüllung des berühmten “grünen Zettels” (den man übrigens bei der Ausreise unbedingt wieder abgeben sollte, sonst kann es bei der nächsten Einreise zu Problemen kommen, da nur mit ihm wiederum die Ausreise dokumentiert wird). Als nächstes Abdrücke aller Finger. Links und rechts plus Daumen. Dann ein Gesichtsfoto. Nicht lächeln bitte! Schließlich die Befragung durch eine Grenzbeamtin. Was wollen sie in den USA? Wohin fahren sie? Mit wem treffen sie sich? Adresse ihres Aufenthaltes? Grund der Reise? Waffen dabei? Eventuell Terrorist? Nazi aus der Zeit bis 1945? Letzteres alles brav mit „nein“ beantwortet, schließlich zählte hier nur die Wahrheit. Alle Fragen konnten zur Zufriedenheit beantwortet werden, der grüne Zetel wurde in den Reisepass getackert und schon war es überstanden. “War doch gar nicht so schlimm”, dachte ich mir, ohne zu wissen, dass auf amerikanischer Seite so etwas Ähnliches noch einmal wartete.

IFDas Fährterminal in Sidney ist im Gegensatz zu Tsawwassen und Swartz Bay beschaulich. Zweimal pro Tag ist hier Action angesagt, ansonsten eine eher verschlafene Örtlichkeit. Die Wartezeit auf die Fähre lässt sich verkürzen mit lesen, einem Imbiss oder dem Besuch des Terminalkiosks. Hightlight des Tages sind die Ankünfte der Fähre aus den USA. Dann erwacht plötzlich Leben auf dem Gelände, ohne allerdings hektisch zu werden. Alles geht seinen geordneten Gang und, sofern nicht die US-Bordercontrol oder der Zoll etwas dagegen haben, braucht eigentlich niemand Angst zu haben, hier vergessen zu werden. Die 1981 gebaute CHELAN der Washington State Ferries bietet auf ihren zwei PKW-Decks ausreichend Kapazität.

Schon seit 1922 gibt es diese Linie. Die CHELAN befährt als einziges Schiff die Route und erhielt dafür speziell ein SOLAS-Upgrade. Ursprünglich kam die CHELAN zwischen Edmonds und Kingston zum Einsatz, doch wurden dort größere Kapazitäten benötigt. Im Austausch mit der Fähre ELWHA verlegte man die CHELAN auf die einzige internationale Verbindung der Washington State Ferries, der Linie zwischen Kanada und USA.

IFDie Fahrt geht durch die Inselgruppe der San Juan Islands. Diese 172 Inseln sind eingebettet in eine interessante Landschaft aus Wasser und Bergen. Vor allem bei Naturfreunden ist diese Route beliebt, denn mit ein bisschen Glück kann man Wale beobachten. Das Ziel der Fährfahrt ist Anacortes. Der 1877 durch die Öffnung eines Postamtes gegründete Ort wird gerne als Ausgangspunkt einer Reise zu den San Juan Islands genutzt. Es ist der größte Ort auf der Insel Fidalgo. Die Washington State Ferries bieten vor hier aus verschiedene Verbindungen zu den Inseln an.

IFIn Anacortes stand nach dem Verlassen des Schiffes eine weitere Grenzkontrolle an. Aus Europa, jedenfalls der EU, kennt man Schlangen an der Grenze eigentlich nicht mehr. Hier muss man etwas Geduld mitbringen.

Die Kontrolle war scharf. Eine Grenzbeamtin mit dunkler Sonnenbrille prüfte nochmals den Pass und führte die Befragung durch. Das ganze glich einem Verhör, die Dame ließ sich keinerlei Freundlichkeit oder sonstige Regung ansehen. In schneller Folge wurden Fragen gestellt. Psychologisch macht das Sinn, wer lügt oder keine plausible Geschichte hat, kann sich bei diesen verbalen Maschinengewehrsalven schnell verheddern. Die Fragen reichten von “Was wollen sie in den USA?” über “Was machen sie beruflich?”, “Wie lange schon?”, “Wo genau?” bis hin zu “Mit wem treffen sie sich?”. Verstand man die Frage nicht (was mir einmal passierte), wiederholte die Dame sie exakt, nun in schärferem und lauterem Ton (nach dem Motto: Guter Mann, höre nun genau zu, was ich von dir wissen will, ich sage es nicht nochmal). Am Ende der Befragung wünschte sie in strenger Freundlichkeit einen guten Aufenthalt in den Vereinigten Staaten. Das war es auch schon mit der Strenge der Amerikaner.

Ansonsten muss ich an dieser Stelle eine Lanze brechen für dieses Land: Bin schon viel gereist und umher gekommen, habe viele Menschen und Mentalitäten kennengelernt. Die Amerikaner in Washington erschienen als Ausnahmeerscheinung. Eine große Freundlich- und Herzlichkeit, durch alle Altersschichten. Man wird oft angesprochen, man wird gegrüßt. Die Leute kommen und fragen. Das ging auf der CHELAN in der Cafeteria los, wo die junge Frau an der Kasse größtes Interesse am Fotografieren zeigte und gleich Tipps gab, wo eventuell Wale auftauchen, über Camper am Keystone-Fährterminal, über Mitreisende auf den Fähren bis hin zu Jugendlichen, die freundlich grüßen und einem fast schon „altmodisch“ erscheinen, weil man das aus unseren Breiten nicht kennt. Auf der Straße herrscht ein vernünftiges Miteinander, es geht geordnet und gesittet zu. Ich würde es hier nicht erwähnen, wenn es nicht so extrem aufgefallen wäre.

 

IFVon Anacortes in die Welt des Puget Sounds

In Anacortes sind die beiden Anleger im Fährterminal rund um die Uhr mit der Abfertigung der Schiffe beschäftigt. Nur nachts ist für wenige Stunden Ruhe angesagt. Es ist ein Kommen und Gehen, abgesehen von der Route nach Kanada wird von hier aus der Fährverkehr zu den Inseln Orcas, Shaw, Lopez und San Juan Island abgewickelt. Im Einsatz sind hier neben der CHELAN die Fähren HYAK, YAKIMA, ELWHA und als Ersatz die EVERGREEN STATE. Nach Anacortes ging es zunächst nach Coupeville zum dortigen Keystone Terminal. Von hier aus fährt Washington State Ferries mit den Fähren SALISH und KENNEWICK nach Port Townsend. Danach war Clinton das nächste Ziel, von wo die Fähre nach Mukilteo geht.

IFDie Route zwischen Clinton und Mukilteo ist eine der meistbeschäftigten Linien der Washington State Ferries. Jedes Jahr nutzen mehr als 4 Millionen Passagiere diese Route, deren Überfahrt gerade einmal 20 Minuten beträgt. Zum Einsatz kommt neben der KITTITAS die CATHLAMET.

Von Mukilteo ging es weiter in die Stadt Edmonds, die bereits nahtlos in Seattle übergeht. Zwischen Edmonds und Kingston verkehrt eine weitere Linie der Washington State Ferries über den Puget Sound. Zwei Fähren sind hier unterwegs. Die PUYALLUP gehört zur 3 Schiffe umfassenden Klasse Jumbo Mark II. Zusammen mit ihren beiden Schwestern ist sie das größte Doppelendfährschiff der Vereinigten Staaten. 1999 wurde sie in Dienst gestellt. Sie kann bis zu 2500 Passagiere und rund 200 Autos befördern. Die andere hier fahrende Fähre ist die SPOKANE. Sie hat bereits ein langes Schiffsleben hinter sich. 1972 wurde sie gebaut und pendelte zunächst zwischen Bainbridge Island und Seattle. Nachdem 1997 neue Fähren kamen, wechselte sie auf die Strecke Edmonds-Kingston.

IFNächste Ziele waren Bainbridge Island, Bremerton und Southworth weiter südlich. Von all diesen Orten bieten die Washington State Ferries Linien nach Seattle an. Drei Schiffe sind auf dem Dreiecksdienst Southworth-Fauntleroy-Vashon unterwegs. Vashon wird dabei nicht auf jeder Tour angefahren. Die SEALTH wurde 1982 gebaut und ist nach dem Häuptling eines Indiannerstammes benannt, der übrigens auch Namensgeber für Seattle war. Wesentlich älter ist die TILIKUM, die bereits aus dem Jahre 1959 stammt und 1994 aufgefrischt wurde. Die TILIKUM gehört zur Evergreen State Class, einer in Seattle entstandenen Bauserie von insgesamt 3, heute immer noch aktiven Fährschiffen. Neben der TILIKUM und der SEALTH bedient außerdem die ISSAQUAH die Route.

IFNach einer Fahrt quer über die Insel Vashon, von Nord nach Süd, stößt man an der südlichen Küste auf einen weiteren Anleger der Washington State Ferries. Von Tahlequa befährt die CHETZEMOKA eine 15-minütige Strecke nach Point Defiance in Tacoma. Die Fähre ist noch fast neu und wurde erst 2010 in Dienst gestellt. CHETZEMOKA ist benannt nach einem Indianerhäuptlintg aus der Gegen um Port Townsend. Das Schiff gehört zu den kleineren Fähren der Washington State Ferries und hatte anfangs erhebliche Probleme mit Vibrationen. Außerdem hatte das Schiff eine permanente Schlagseite, was allerdings im normalen Betrieb nicht weiter auffällt.

 

IFBesuch der KALAKALA

In Tacoma stand ein Besuch der KALAKALA an, einer bekannten Fähre, die von 1935 bis 1967 den Puget Sound befuhr und 1926 als PERALTA in Dienst gestellt wurde. 1933 vernichtete ein Feuer große Teile des Schiffes und man begann, die Aufbauten neu zu erstellen. Das Schiff erregte seinerzeit vor allem aufgrund seines eigenwilligen, stromlinienförmigen Designs großes Aufsehen. Heute liegt die Fähre, völlig heruntergekommen, in einem unzugänglichen Hafenbecken. Richtig ran kommt man nicht. Zufällig „übersah“ ich ein Privatgelände und schaffte es trotzdem einigermaßen.

IFSeattle war dann das nächste Etappenziel. Hier folgten einige ausgedehnte Stadttouren, wenngleich man sagen muss, dass aufgrund der Größe immer nur ein kleiner Teil erlebt werden kann. Highlights waren u. a. Downtown Seattle, der Besuch der “Waterfront”, das Expo-Gelände mit der Space Needle und Safeco Field, eines von zwei nebeneinanderliegenden Football-Stadien mit einer unglaublichen, auf Schienen fahrbaren Dachkonstruktion, wie ich sie so noch nirgendwo gesehen habe.

Sehr interessant ist die Lage des Fährterminals (Colman Dock) der Washington State Ferries in Downtown Seattle, gleich direkt “unter” den Wolkenkratzern. Erinnert etwas an New York, wo die Staten-Island-Fähre ebenfalls bis fast direkt in die Skyline fährt.

 

Seattle-Bremerton und Bainbridge Island

Von Seattle kann man nach Bremerton und Bainbridge Island fahren. Beide Linien wurden ausführlich auf den Fähren WENATCHEE, KALEETAN und TACOMA in Augenschein genommen. Die Strecke Bainbridge Island-Seattle ist die meistbefahrene Route der Washington State Ferries. Über 6 Millionen Fahrgäste nutzen jährlich die beiden Fähren TACOMA und WENATCHEE. Das meiste Passagieraufkommen fällt in der Regel zwischen 6 und 9 Uhr an, von West nach Ost wohlgemerkt, also nach Seattle. Dann strömen Tausende in die Stadt und nutzen die Fähren als tägliches Transportmittel. Umgekehrt, also von Ost nach West, gibt es nachmittags eine Rush Hour, die gegen 3.30 Uhr beginnt und um 6.20 Uhr endet.

IFDie Überfahrt nach Bremerton ist die schönere der beiden Linien ab Seattle Colman Dock. Sie führt zunächst über den Puget Sound und verläuft dann durch die engen Gewässer zwischen Bainbridge Island und der Olympic Halbinsel. Manchmal kann man auch sehr große Schiffe in diesem Gebiet beobachten, denn in Bremerton befindet sich eine Marinewerft und ein Stützpunkt der US-Navy. Durch den schmalen Meeresarm, den die Fähren nehmen, fahren auch Flugzeugträger der Streitkräfte, um zur Marinebasis zu gelangen. Davon lagen gleich mehrere in Bremerton.

IFÜber Bainbridge Island ging es dann weiter Richtung Norden, nach Port Townsend. Dort wartete die Fähre KENNEWICK nach Coupeville zum Keystone Ferry Terminal auf der Insel Whidbey Island.

Der Keystone Ferry Terminal auf Whidbey Island liegt einige Kilometer außerhalb des Ortes Coupeville. Hier draußen ist nicht viel zu finden. Am Tage kommt alle 45 Minuten eine der beiden noch neuen Washington State Ferries SALISH und KENNEWICK aus Port Townsend.

 

Von Port Angeles zurück nach Kanada

Nach dieser Rundtour um den Puget Sound mit seinen Inseln und Städten erfolgte die Rückreise nach Kanada. Es gibt noch eine zweite Linie zwischen den USA und Kanada und die führt vom US-Hafen Port Angeles nach Victoria in BC. Die Black Ball Ferry Line bietet täglich zwei Überfahrten an. COHO heißt das einzige Schiff auf der Route. Übrigens auch das einzige Schiff der Reederei. Und schon recht betagt. 1959 gebaut. Über 50 Jahre alt.

IFDie COHO hatte an jenem frühen Morgen gut zu tun. Eine Reservierung kann angesichts von nur 2 Überfahrten pro Tag nicht schaden. 90 Minuten dauert die Fahrt, die im Gegensatz zur Linie nach Anacortes zwar landschaftlich wenig zu bieten hat, dafür aber von einem Schiff bedient wird, das aufgrund seines Alters einen ganz speziellen Charme hat.

Der Passagier erlebt ein sehr sauberes Schiff. Trotz des Alters ist es auf aktuellem SOLAS-Stand und bestens gewartet. Das Fährschiff erscheint sehr liebevoll gepflegt und man merkt es der Reederei an, dass sie stolz auf ihre COHO ist.

Die Geschichte der COHO ist lang. Im Dezember 1959 machte sie ihre erste Fahrt nach Victoria und kam später auf verschiedenen Linien zwischen Seattle, Port Angeles, Port Townsend und Victoria zum Einsatz. Die Fähre stammt aus einer anderen Zeit, was man an jeder Ecke sieht. Große Fenster und viele Sitzplätze laden ein, die 20 Seemeilen entspannt zu genießen. An Bord wird sogar kostenfreies Internet angeboten. Eine Selbstverständlichkeit, die man auf vielen europäischen Fähren noch vergeblich sucht.

IFDie Black Ball Ferry Line hat eine lange Tradition und ist von der Westküste Kanadas und der USA nicht wegzudenken. 1816 wurde sie bereits als transatlantischer Passagier- und Frachtdienst eröffnet. Von Fähren war man seinerzeit noch weit entfernt und doch liegen die Wurzeln in jenen Jahren, als noch Segelschiffe die Verbindung zwischen Europa und Amerika aufrechterhielten. Black Ball Line war einst Amerikas größte Fährgesellschaft, ehe sie ihre Anteile 1951 an den Staat Washington verkaufte und daraus die Washington State Ferries enstanden. Ein kleiner Teil der Black Ball Line blieb allerdings erhalten und daraus wurde Black Ball Ferries. Diese wiederum verkaufte die meisten ihrer Anteile 1961 an die Regierung von British Columbia. Das war die Geburtstunde der BC Ferries.

Das Reisen mit der COHO ist angenehm. So, wie das Schiff aus einer anderen Zeit stammt, fühlt sich auch das Fahren mit ihm an. Ein ruhiges Heraustreten aus dem manchmal rastlosen Alltag. Auf jeden Fall eine Entspannung für alle Passagiere.

 

IFVon Victoria über Departure Bay nach Horseshoe Bay

Die Einreise in Kanada ist, verglichen mit der in die USA, fast ein Kinderspiel. Die üblichen Fragen wie “Was wollen sie hier?” und “Was machen sie beruflich?”, ehe es von Victoria aus Richtung Norden nach Nanaimo ging. Vom dortigen BC-Ferries-Terminal Departure Bay ging es dann weiter mit der QUEEN OF OAK BAY nach Horseshoe Bay.

Die QUEEN OF OAK BAY wurde 1981 gebaut. Die 140 Meter lange Doppelendfähre arbeitet auf der Route zusammen mit der COASTAL RENAISSANCE. BC Ferries bietet pro Tag in der Regel 8 Abfahrten in jede Richtung an. Ein beachtenswertes Informationssystem zeigt den Reisenden schon auf dem Trans Canada Highway die Auslastungsquote der kommenden Abfahrt an.

IFVon Horseshoe Bay aus gehen zwei weitere Linien der BC Ferries in die Inselwelt der auch als Sunshine Coast bezeichneten Küstenlinie nördlich von Vancouver. Horseshoe Bay gehört zu West Vancouver, hat sich aber durch die besondere geografische Lage einen recht eigenständigen Charakter bewahrt. Horseshoe Bay ist vor allem bekannt als Fährhafen, der hier schon recht lange existiert. Bereits die Black Ball Line ließ von hier aus Fähren fahren. Doch erst BC Ferries errichtete die heutigen, bekannten Fähranlagen, die hier auf recht engem Raum realisiert werden mussten.

Der Hafen verfügt über drei Fähranleger. Sie sind alle über verglaste Landgänge zu Fuß erreichbar. Wer mit dem Auto kommt, der braucht den Trans-Canada Highway 1 gar nicht erst zu verlassen. Die Straße führt direkt in das Terminal.

In Horseshoe Bay gibt es etwa 1000 Einwohner. Der Ort scheint einem Mittelgebirge zu entstammen. Die angrenzenden, mit Nadelhölzern bewachsenen, steil aufragenden Berghänge vermitteln jedenfalls diesen Eindruck.

 

IFEntlang der Sunshine Coast

Der Aufenthalt in Horseshoe Bay wurde für einen Besuch von Vancouver genutzt. Danach ging es die Sunshine Coast entlang. Zunächst mit der QUEEN OF SURREY von Horseshoe Bay nach Langdale, weiter auf dem Sunshine Coast Highway nach Earls Cove, von hier aus mit der ISLAND SKY nach Saltery Bay und weiter nach Powell River sowie in die Gebiete nördlich davon, wo der Stamm der Sliammon siedelt, eine der First Nations Kanadas, jener indigenen Völker, die lange vor den weißen Siedlern hier lebten. Von Powell River wiederum wurde die Fähre nach Vancouver Island genommen.

IFDie 1965 erbaute QUEEN OF BURNABY befährt die Strecke nach Comox. Das Fährschiff hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich und ist fester Bestandteil der Schifffahrtsgeschichte an der Westküste Kanadas. Das Design des Schiffes stammt von Phillip F. Spaulding, einem Schiffsarchitekten aus Seattle, der bereits die COHO entworfen hatte. Spaulding konnte seinerzeit zusammen mit seinem Partner Arthur McLaren für die Entwicklung der “V-Klasse” gewonnen werden. Dazu gehörte die QUEEN OF BURNABY und ein weiteres Schiff für BC Ferries.

Viele Jahre befuhr die QUEEN OF BURNABY dann die Linie Departure Bay-Horseshoe Bay. 1972 wurde die Fähre um 25 Meter verlängert, um größere Kapazitäten zu schaffen. Entscheidendes tat sich 1994, als das Schiff an die ebenfalls staatliche Victoria-Line übertragen wurde und den neuen namen ROYAL VICTORIAN erhielt. Damit wurde eine 1990 eingestellte Fährverbindung zwischen Victoria und Seattle wiederbelebt, was allerdings ein fulminanter Mißerfolg war.

1997 ging die Fähre an die Clipper Navigation, die sie auf der gleichen Linie als PRINCESS MARGUERITE III einsetzte, ehe 1999 das Aus kam. 2000 erfolgte dann der Verkauf an BC Ferries. Fortan fuhr das Schiff wieder unter seinem alten Namen QUEEN OF BURNABY. Seitdem ist es zwischen Powell River und Comox unterwegs.

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Zum nördlichsten Punkt der Reise: Heriot Bay

Von Comox ging es weiter Richtung Campbell River. Von hier aus bietet BC-Ferries eine Fährlinie nach Quadra Island an. Die POWELL RIVER QUEEN bedient diese Route. Sie stammt aus dem Jahre 1965. Seitdem wurde sie immer wieder umgebaut oder modernisiert. 400 Passagiere kann sie befördern. Bei rund 70 Autos ist das Wagendeck voll.

IFNur 10 Minuten dauert die 1,8 Seemeilen lange Strecke, dann ist die kleine Bucht an der Westküste der Insel erreicht, wo sich in Quathiaski Cove die Anlegestelle befindet.

Das nördlichste Ziel der Reise war nun erreicht. Quadra Island liegt zwischen Vancouver Island und der Festlandküste. 2700 Einwohner zählt die Insel, drei Dörfer gibt es. Alles ist eingebettet in die Wildnis British Columbias. Der Ort IFHeriot Bay an der Östküste der Insel ist das Tor zu den Discovery Islands und Ausgangspunkt einer Fährlinie zur Insel Cortes Island. Eine kleine Fähre der BC Ferries, die TACHEK, fährt von hier aus auf der 45 Minuten langen Strecke.

Die Rückreise erfolgte wiederum ab Nanaimo, diesmal vom Terminal Duke Point aus mit der QUEEN OF ALBERNI. Es folgten noch Besuche der Städte Vancouver und Delta (bei Tsawwassen), eine Fährfahrt von Tsawwassen nach Swartz Bay, ehe leider schon wieder der Rückflug von Vancouver nach Frankfurt auf dem Programm stand.

 

Hier die dazugehörige 4-teilige Videoreportage:

 




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