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QUEEN MARY – wohin geht deine Reise?

09/02/2017 • Long Beach, North America, QUEEN MARY, Travel Blog, USA

Januar 2017. Der Weg zu ihr war diesmal steinig (siehe auch: Reiseerlebnis QUEEN MARY 2014). Flugprobleme bescherten mir eine Verspätung von drei Stunden, die US-Border Control brauchte fast ebenso lange zum Kontrollieren, der Koffer war weg, die Abholung des Mietwagens dauerte auch noch einmal über eine Stunde und zwei Kilometer vor der QUEEN MARY gab es im Auto einen lauten Knall.

Hier die beiden Videos zur Reise:

Crazy for MARY

Walking on the QUEEN MARY

DSC05899Die Straßen in Los Angeles sind teilweise derart schlecht, dass das Fahren darauf – je nach Art des gewählten Verkehrsmittels – lebensgefährlich sein kann. Tiefe Schlaglöcher auf Schnellstraßen tun sich unvermittelt vor einem auf. Wenn es dann auch noch geregnet hat, die Schlaglöcher voll mit Wasser sind oder Dunkelheit das Land der unbegrenzten Möglichkeit einhüllt, kann passieren, was täglich vielen dort passiert: ein oder mehrere kapitale Reifenschäden.

In meinem Falle ist es ein Schlagloch, wie ich es in Europa auf einer Straße wirklich noch nie gesehen habe, Typ Mondkrater. Sehr tief, sehr groß und leider erst im letzten Augenblick erkennbar, weil es eben dunkel ist und ein LKW vor mir fährt. Der Wagen kracht in die Vertiefung (jeder Motorradfahrer hätte einen Abflug gemacht) und sofort sind beide Reifen vorne kaputt.

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Dennoch: Mit Müh und Not schaffe ich es auf den Parkplatz des 1936 in Dienst gestellten Ozeanliners. Immerhin reagiert der Mietwagenverleih am folgenden Tag nach einigen Telefon-Hotline-Versuchen prompt und tauscht den Wagen aus, was mir eine interessante Fahrt durch halb Los Angeles mit einem Abschlepptruck beschert. Auch mal was!

 

Das große Schiff fast ganz allein für mich

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Hier klicken, um zur Galerie zu gelangen

Kurz vor Mitternacht bin ich an diesem Montag im Januar an Bord, nehme mein Hotelzimmer in Empfang (eine Kabine auf dem A-Deck) und mache mich auf zu einem ersten Rundgang über das Schiff. Die Reise war lang und anstregend, aber egal. DAS muss jetzt sein. Es wird zu einem denkwürdigen Rundgang über den einst so populären Transatlantikdampfer, viele Jahre größtes, längstes und schnellstes Schiff der Welt, Schauplatz zahlreicher “Promis” und irrer Geschichten aus Kriegs- wie Friedenszeiten, denn: Ich bin nahezu allein unterwegs auf den Gängen, Korridoren und selbst auf dem langen Promenadendeck. Das Schiff gehört mir, zumindest für diese späten Stunden am Abend.

DSC06175Im 2. Weltkrieg hat das Schiff mal über 16.000 Menschen (auf einmal!) befördert. Das ist ein nie wieder erreichter Rekord. Kein Schiff hat jemals so viele Menschen an Bord gehabt. An diesem Abend jedoch liegt es einsam und verlassen an seinem Dauerplatz in Long Beach, wo es seit 1967 fest vertäut eine zweite Karriere als Hotel- und Restaurantschiff erlebt. Mittlerweile liegt es länger, als es gefahren ist und gilt genau genommen nicht mal mehr als Schiff, sondern als festes Bauwerk und seit 1993 eingetragen im National Register of Historic Places.

 

Tolle Schiffsmodell-Ausstellung

Ein Besuch auf der QUEEN MARY ist großartig, wenn man sich für Schiffe interessiert. Oder für Hochzeiten (denn das scheint ein einträgliches Geschäft zu sein). Oder zum Beispiel auch für Schiffsmodelle. Recht neu ist eine Ausstellung, die diverse große und kleinere Modelle bekannter Passagierschiffe zeigt, darunter vier Riesenmodelle der Schiffe TITANIC, NORMANDIE, LUSITANIA und QUEEN MARY. Diese Modelle sind äußerst groß und teilweise als Schnittmodelle ausgelegt, so dass man von einer Seite sogar ins Innere schauen kann.

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Das Modell der QUEEN MARY (hier in der Galerie zu sehen) ist gar älter als das Schiff selbst und wurde seinerzeit zum Bau des Schiffes erstellt.

An einem anderen Modell, dem der NORMANDIE (Galerie), wurde rund 16 Jahre fleißig von katholischen Priester Roberto Pironne (Kalifornien) gebaut. Es ist fantastisch und in seinem Detaillierungsgrad unerreicht; selbst Nieten, Tische, Stühle und andere Kleinigkeiten wurden liebevoll und in wirklich guter Qualität nachgebildet. Übrigens wurden auch die LUSITANIA (Galerie) und TITANIC (Galerie) von Pironne gebaut. Als weitere große Modelle sind zu besichtigen: QUEEN MARY 2 (Galerie), QUEEN ELIZABETH 2 (Galerie) und QUEEN VICTORIA (Galerie).

DSC06399Abseits dieser Ausstellung schließlich, in einem naheliegenden Raum mit dem Namen “The Shipyard”, ist ein weiteres Modell zu finden, das größte jemals aus LEGO-Steinen gebaute Schiff. Natürlich die QUEEN MARY (Galerie). Gebaut wurde es von der britischen Firma Bright Bricks Inc. aus mehr als 250.000 einzelnen Steinen. Es ist 7,9 m lang, 94 cm breit, 140 cm hoch und wiegt 274 kg.

Dazu gibt es einige Spieltische mit LEGO. Hier können sich also die Kinder austoben.

 

Glanz und Gloria waren gestern. Heute: Besorgniserregender Zustand

Leider musste ich bereits bei meinem Besuch vor einigen Jahren feststellen, dass es der liebenswürdigen QUEEN MARY nicht besonders gut geht. Zumindest optisch hat sich seitdem nichts Positives getan, weshalb ich leider sagen muss: Es geht ihr immer schlechter.

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Die Großartigkeit dieses Schiffes und all seiner Attraktionen täuscht nicht darüber hinweg, dass man im Prinzip auf einer sanierungsbedürftigen Baustelle sitzt. Zwar wird hier und dort gearbeitet, gehämmert, repariert und gebaut, doch ist der Zustand im permanenten Sinkflug.

Abgesehen davon, dass immer großflächiger Farbe abblättert und vor allem dünne Metallverkleidungen rosten (der Zustand des eigentlichen Schiffbaustahls des Rumpfes scheint dagegen exzellent zu sein), habe ich mehrere kapitale Wasserschäden entdecken können. Mal versucht man, diese mit Heizlüftern zu trocknen, mal scheint überhaupt nicht zu interessieren, dass sich manche Räume in Wasserlandschaften verwandelt haben, vornehmlich natürlich Bereiche, die nicht zugänglich sind, in die ich aber “zufällig” wegen offen stehender Türen hineingeraten bin.

DSC05800Die Kabinen des Hotels sind ein wenig “angestaubt”. Vor allem aber auch renovierungsbedürftig. So kommt Wasser aus der WC-Spülung und läuft an der Wand herunter. Richtiges heißes Wasser wollte auch nicht in die Badewanne laufen.

Dass das Ganze den Style der 1930er hat, ist sehr charmant (und so etwas wie ein Geheimtipp inmitten moderner Hotels). Trotzdem zieht es in der jetzigen Form offenbar immer weniger, da die umliegenden Hotels in Long Beach rund 10% mehr an Auslastung bei den Übernachtungen zu verbuchen haben.

Woran liegt es, dass dieser durchaus beliebte und bekannte Liner so stiefmütterlich behandelt wird? Vordergründig wird zu wenig investiert. Was nicht verwundert, denn jeder Fachmann weiß: Ein Schiff frisst einem die Haare vom Kopf. Und dieses hier ist unersättlich, da es so groß und so alt ist.

DSC07256Schaut man tiefer hinein, so ist die Geschichte der QUEEN MARY seit 1967 eine Mischung aus fehlgeschlagenen Vorhaben und dem permanenten Versuch, sich einigermaßen über Wasser zu halten.

1936 wurde die QUEEN MARY als Transatlantikliner in Dienst gestellt, errang das Blaue Band und verband die Neue mit der Alten Welt. Während des Zweiten Weltkrieges transportierte das Schiff Soldaten an die Europäische Front. Nach dem Ende der aktiven Dienstzeit kaufte die Stadt Long Beach das Schiff 1967 von der Cunard Line.

DSC07245Seitdem gab es viele Vorschläge, um Attraktionen zu bauen, die die QUEEN MARY ergänzen würde – von einem Disney-Marine-Park zu einem Science-Fiction-Museum. Selbst Howard Hughes ‘massives Spruce Goose-Holzflugzeug, das ab 1982 in einer riesigen Kuppel neben dem Schiff ausgestellt wurde, wurde auseinander genommen und 1993 in ein Museum nach Oregon verlegt. Die Kuppel wird nun als Terminal für die Carnival Cruise Line genutzt.

Andere ehrgeizige Pläne sahen Walt Disney Co.’s Versuch vor, das Schiff in einen $ 3-Milliarden teuren, See-themenorientierten Vergnügungspark zu integrieren.

Seit 1967 versuchten sich verschiedene Betreiber an dem Schiff. So übernahm im Jahr 1995 z. B. die Queen’s Seaport Development Inc., gegründet von Geschäftsmann Joseph F. Prevratil, den Mietvertrag, reichte aber 2005 Insolvenz ein.

DSC07295Längst hat man in Long Beach erkannt, dass die MARY ein Problem hat. Und es gibt Zeichen der Hoffnung, wenngleich sich die Frage ergibt: Warum soll es diesmal klappen?

In dieser Phase kommt die Firma Urban Commons ins Spiel, die den Mietvertrag von der Garrison Investment Group, einer New Yorker Firma, übernommen hat. Nun versucht die Stadt Long Beach noch einmal, ein großes Stück vakantes Land rund um das historische Schiff mit einem großen Plan zu verwandeln und der QUEEN MARY damit Auftrieb zu geben: Ein $ 250-Millionen-Unterhaltungs- und Einzelhandelskomplex mit großem Riesenrad ist geplant.

“Die Idee ist, etwas Spektakuläres auf dem Wasser zu tun, das man auch mit der Innenstadt verbinden kann”, sagt Long Beachs Bürgermeister Robert Garcia. Zusammen mit Urban Commons arbeitet er in einer Task Force, die die umliegenden 45 Hektar (heute überwiegend Parkplätze) in eine Art Marine-Komplex verwandeln sollen.

DSC06492Die QUEEN MARY soll vom Kuchen etwas abbekommen. $ 10 bis $ 15 Mio. sollen in ihre Renovierung fließen, zudem will man das Angebot an Bord ausbauen. Veranstaltungen auf der QUEEN MARY können durchaus Magnet für Zehntausende sein, wie jüngst eine Helloween-Veranstaltung. Insgesamt möchte man den Standard in den Kabinen des Luxusliners stark heben, während die ursprünglichen Holzvertäfelungen wiederhergestellt werden sollen.

Urban Commons will es bei den Renovierungsplänen nicht belassen. Zusätzlich zu den (derzeit nutzbaren) 314 Kabinen auf der QUEEN soll ein 200-Zimmer-Boutique-Hotel entstehen, ein Yachthafen und ein Amphitheater für Tausende, um Livemusik und Veranstaltungen zu bieten – alles miteinander verbunden durch Jogging- und Radwege in der Nähe des Wassers. $ 250 Mio. soll das alles kosten und nicht wenige fragen sich, ob das nicht nur eine weitere “Möchtegern”-Episode im Leben der QUEEN MARY ist.

 

Trotzdem: klare Empfehlung!

DSC06238Na klar doch, wir sind hier schließlich auf einer Schifffahrts-Website. Die QUEEN MARY ist ein Muss für alle maritimen Fans. Nirgendwo sonst ist das Feeling der großen Liner erhalten geblieben. Hier kann man spüren, was es bedeuten musste, mit dem Schiff als Transportmittel von A nach B zu reisen, nicht als Urlaubsvergnügen der heutigen Kreuzfahrtschiffe. Man fühlt auf diesem Schiff sofort die Entschleunigung, die das Reisen mit den großen Dinosauriern der Meere bot.

Ich hoffe sehr, dass die QUEEN MARY die Kurve bekommt. Sorgen einer baldigen Verschrottung braucht man sich sicherlich nicht zu machen – die Qualität und Güte des Schiffbaumaterials der 30er Jahre waren (heute noch sichtbar) offenbar extrem gut. Um die Inhalte allerdings muss man sich kümmern, sie verlangen Aufmerksamkeit.

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