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Reisebericht Japan – 4000 km Roadtrip durch das Land der aufgehenden Sonne

28/06/2015 • Japan, Japan, Roadtrip Japan, Travel Blog


Nach 11 Stunden Flug schwebt die Lufthansa Boeing 747-400 aus Frankfurt von Südost auf dem Flughafen Tokyo Narita ein, nachdem es einmal von Nordwest über Japan ging. Nach stundenlangem Sibirien-Überflug freue ich mich, dass es endlich soweit ist. Jeder der rund 350 Passagiere an Bord hat unterschiedliche Beweggründe, in das Land des Lächeln zu Reisen. Meiner ist die Absicht, per Roadtrip Land, Leute und maritimes Leben kennen zu lernen. Dabei werde ich ca. 2/3 des Landes bereisen, während der fehlende Westen und Okinawa hoffentlich noch irgendwann in der Zukunft von mir bereist werden kann.

 

Mehr zum Thema Japan: http://justferries.de/japan

 

DCIM100GOPROG0282110.Etwas hart setzt das Flugzeug auf der Landebahn 16R/34L auf und rollt zum Gate. Der Blick geht nach draußen. Japan! Das ist also Japan. Die Sonne lacht vom Himmel, obwohl der Pilot vorher noch sagte, es sei nicht ganz so schönes Wetter. 12.000 km von Deutschland entfernt. Endlich da, nach so langer Planungs- und Vorfreudezeit. Mit Ach und Krach 23,5 kg Gepäck (erlaubt waren nur 23 kg) mitbekommen sowie über 12 kg Handgepäck.

Die Einreise ist unproblematisch. Zwei Dokumente müssen ausgefüllt werden, eines zur Einreise mit Reisegründen und persönlichen Daten, ein anderes für den Zoll. Zwei Hürden gilt es zu überwinden, einmal die Immigration, wo Fingerabdrücke und Gesichtsfoto genommen werden sowie ein Dokument in den Reisepass kommt sowie die Zollkontrolle. Letztere ist sehr genau, ich beobachte, dass jeder seine Koffer öffnen muss. Auch ich. Man legt mir ein laminiertes Blatt Papier vor mit Bildern von Waffen, Drogen usw. und fragt mich, ob ich so etwas dabei habe. Wie auch immer, die Beamten sind wesentlich freundlicher als hierzulande.

DSC05036Danach folgt der Gang zum Schalter der Autovermietung. Davor graut es mir meist. Spätestens nach Los Angeles, wo ich mal rund 2 Stunden in einer riesigen Warteschlange stand, sitzt es mir tief in den Knochen, denn ist man erstmal am Flughafen angekommen, will man nur noch weg – weiter! Deshalb gestaltet sich das Prozedere in Japan um so angenehmer. Gähnende Leere bei Nissan Rent a car. Kein Wunder, die meisten Ausländer reisen nicht mit dem Auto aufgrund der behördlichen Hürde der Führerscheinübersetzung ins Japanische (siehe auch hier: Japan: ganz einfach oder? Reisevorbereitungen).

DCIM100GOPROG0542141.Es dauert ein wenig an der Autovermietung. Die englischen Sprachkenntnisse der Mitarbeiterin sind schlecht und meine Japanisch-Kenntnisse noch schlechter. Gemeinsam schaffen wir es aber, und am Ende schließt sie sogar ihren Schalter und begleitet mich bis zum Auto auf dem Parkplatz, um mir alles zu erklären und die ETC-Karte einzulegen. Auch wenn die Verständigung eher schlecht ist, komme ich mit der Japanerin ins Gespräch und erhalte von ihr gleich eine kleine Lehrstunde in Japanisch. Nach Tokyo und Oarai will ich zunächst reisen und es dauert, bis sie versteht, was ich meine. Meine Aussprache hapert wohl. Also schreibe ich es ihr auf. O-a-r-a-i. Selbst das scheint sie nicht zu verstehen, was mich wundert, ehe es bei ihr scheinbar “klick” macht. Aber nein, es heiße nicht Oarai sondern Ōarai. Erst mit dem Strich über dem O sei es als Ōarai erkennbar.

Nun kann es losgehen, mit dem Japan-Roadtrip, dessen wesentliche Stationen ich hier näher schildere.

 

Inhalte dieses Reiseberichts

Über den Dächern von Tokyo (東京)

Ōarai (大洗町) – Positives für die Ohren am Abend

Sendai (仙台市) – Trillerpfeifen und Verbeugung im Arbeitsalltag

Hachinohe (八戸市) – oft von Tsunamis getroffen

Die Robotergarage von Aomori (青森市)

Hakodate (函館) – Wiedersehen mit einer alten Bekannten aus Dänemark

Auf schönen Wegen nach Otaru (小樽市)

In der grünen Hölle von Sapporo (札幌市)

Tomakomai ( 苫小牧市) – letzte Station auf Hokkaidō

Akita (秋田市) – Beginn der spektakulären Strecke nach Niigata

Niigata (新潟市) – am historischen Museum

Jōetsu (上越市) & Naoetsu (直江津) – im japanischen Niemandsland

Besuch der Burg in Matsumoto (松本市)

Cape Irago (伊 良 湖 岬) bei Tahara (田原市) – viel Sand und Wind

Nagoya (名古屋市) – endlich mal Baseball

Big-Mac-Flut in Tsuruga (敦賀市)

Biwa See (琵琶湖) – Besuch des Shirahige Jinja

Besichtigung des Otowasan Kiyomizudera in Kyōto (京都市)

Synthetisches in Kōbe (神戸市)

Ōsaka (大阪市) – die unglaubliche Bautätigkeit der Japaner

Izumiōtsu (泉大津市) – nur der Fähren wegen

Tokushima (徳島市) – südwestlichster Punkt meiner Reise

Akashi-Kaikyō (明石海峡大橋) – Brücke mit der größten Stützweite der Welt

Shizuoka (静岡市) – am Fuße des Fuji

Fuji (富士山) – höchster Berg Japans

Yokosuka (横須賀市) – Besuch der Station Kurihama

Yokohama (横浜市) – mein persönlicher Favorit

 

Über den Dächern von Tokyo (東京)

Tokyo bildet die größte Metropolregion der Welt. Ein riesiges Gebilde, das für den Besucher kaum einen Anfang und kaum ein Ende hat, will man hier nicht Jahre nur damit verbringen, alles zu sehen und zu entdecken. Einen sehr guten Eindruck von Tokyo bekommt man von oben. Mein Ziel ist das derzeit zweithöchste Bauwerk der Erde (und der größte Fernsehturm der Welt), der Tokyo Sky Tree. 634 Meter hoch, wobei die Besucher bis maximal 450 Meter hoch kommen.

DCIM100GOPROG0652152.Ob es sinnvoll ist, in Tokyo Auto zu fahren, lasse ich dahin gestellt. Ich tue es nicht und nehme stattdessen die Sky Access Line. Sie verbindet u. a. Narita mit Oshiage. Die Fahrt dauert etwa 45 Minuten. Der Bahnhof am Flughafen Narita ist direkt unter dem Flughafen, doch man sehe sich vor: Von hier aus gehen viele Linien ab, es ist ein ziemliches Wirrwar. Obwohl ich mir vorher die Pläne des U-Bahn und Metronetzes von Tokyo ausgedruckt hatte, hilft mir das nur bedingt weiter. Es ist zwar alles gut ausgeschildert, doch auf den ersten Blick nicht sofort durchschaubar. Kompliziert wird es später während der Bahnfahrt vor allem dadurch, dass der Zug an Bahnhöfen hält, die überhaupt nicht im Plan eingezeichnet sind. So kommen während der Fahrt ernsthafte Zweifel auf, ob man im richtigen Zug sitzt.

DCIM100GOPROG0672154.Mir hilft man an der Information der Sky Access Line weiter und dort kaufte ich auch das Ticket. Die Züge fahren von unterschiedlichen Plattformen ab, sind aber durch farbliche Kennzeichnungen leicht zu finden. Im Falle der Sky Access Line war es Orange.

Die Fahrt dauert wie schon erwähnt rund eine Dreiviertelstunde und geht von der noch ländlichen Gegend um Narita über in die urbane Besiedlung der Großstadt Toyko. Sind es am Anfang noch Reisfelder, die am Fenster vorbeiziehen, kommen später dann unzählige Häuser, die immer größer werden.

Im Zug sind Anzeigemonitore, wo man sich gerade befindet und welches die nächste Station sein wird. Dazu kommen Durchsagen auf Japanisch und Englisch. Es ist letztlich doch sehr einfach, an der richtigen Station auszusteigen, in meinem Falle Oshiage, wo sich direkt am Bahnhof der Tokyo Sky Tree befindet.

DSC09855Nach einer gewissen Weile am Fuße des 634 Meter hohen Sky Tree geht es zum Aufstieg in den 4. Stock. Ein Besuch der beiden Aussichtsplattformen in 350 und 450 Metern Höhe ist auf jeden Fall Highlight eines Tokyo-Besuches, da man von dort oben die Metropolregion sehr gut überblicken kann. Es ist alles allerdings so extrem groß, dass das Ende nicht sichtbar ist und lediglich angenommen werden kann, dass “irgendwo” in der Ferne, bei den Bergen, Schluss mit der Stadt ist.

Die Warteschlangen können recht lang werden. Im Sky Tree hat man sich dazu die folgende Lösung ausgedacht: Für internationale Besucher gibt es eine aufpreispflichtige (aber lohnenswerte) Expressmöglichkeit. Auf diese wird man bereits vom Personal hingewiesen.

Mehr zu meinem Besuch des Sky Tree hier.

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Blick aus dem Tokyo Sky Tree in 350 Metern Höhe. Man kann noch einmal 100 Meter weiter hoch und ist dann auf 450 Metern. Wie beim Empire State Building in New York stellt sich die Frage: lohnt es sich? Klare Antwort: ja!

 

Ōarai (大洗町) – Positives für die Ohren am Abend

Ōarai ist eine Stadt im Higashiibaraki Distrikt, in der Präfektur Ibaraki. Von hier aus bietet MOL Ferry Co. Ltd. als Sunflower einen Fährdienst nach Tomakomai (Hokkaidō) an. Der Ort ist bei Japanern vor allem im Sommer beliebt, denn er bietet riesige Sandstrände mit Blick auf den Pazifischen Ozean. Der Sandstrand erstreckt sich nach Süden und ist einer der beliebtesten Badeorte in der Kanto Region. Im Sommer ist der Strand überfüllt. Von hier aus starten auch Ultraleichtflieger, die direkt am Strand eine Start- und Landefläche haben.

DSC00169Ich verbringe den Abend am Strand. Zahlreiche große Parkplatzflächen bieten genug Platz. Viele Leute sind nicht unterwegs. Ich erlebe an diesem Abend erstmals etwas, was völlig neu für mich ist. In den japanischen Küstenorten sind aufgrund des Katastrophenwarnschutzes große Lautsprecher aufgestellt.

DSC00158Über diese erklingt um 18 Uhr eine feine, wirklich sehr angenehme und positive japanische Melodie. Ich erinnere mich spontan an Glockengeläut in unseren deutschen Orten, mit dem Unterschied, dass das mich eher nervende Geläut der Kirchen im krassen Gegensatz zu diesem Musikspiel hier steht. Dieses hier ist schön; zwar laut, aber für mich so exotisch, friedfertig und fein klingend, dass ich glatt enttäuscht bin, als es vorbei ist. Welche Bedeutung es genau hat, konnte ich bislang nicht herausfinden, las aber irgendwo, dass zum Feierabend solche Melodien über die Lautsprecher gespielt werden. Mir soll das ab jetzt noch öfter begegnen. Auf jeden Fall eine potenzielle Idee für den Ersatz des Kirchengeläuts in unseren Landen.

Ich bleibe bis zum Sonnenuntergang in Ōarai und beobachte das Auslaufen der SUNFLOWER SAPPORO.

 

Sendai (仙台市) – Trillerpfeifen und Verbeugung im Arbeitsalltag

Der Weg nach Sendai, der Hauptstadt der Präfektur Miyagi, führt mich zufällig und ungeplant durch die verseuchte Zone von Fukushima, worüber ich hier mehr berichte: Durch die radioaktiv verseuchte Zone von Fukushima.

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Vorbeifahrt am Kernkraftwerk Fukushima Daiichi in etwa 1200 Metern Entfernung.

 

Sendai ist die größte Stadt der Tōhoku Region und die zweitgrößte nördlich von Tokyo. Eine Million Menschen leben hier. Der Verkehr auf den Straßen ist erträglich. Mein Ziel ist der Sendai Hafen Park, der 2011 durch den Tsunami arg in Mitleidenschaft gezogen wurde, nun aber wieder aufgebaut ist.

DSC00034Von hier aus fotografiere und filme ich die Ankunft der Fähre KITAKAMI aus Tomakomai. Später schaue ich mir die Entladung des Schiffes an, was mir völlig neue Einsichten in das Arbeitsverhalten der japanischen Seeleute gibt. Mit Trillerpfeifen geben sie Kommandos, egal ob beim Festmachen des Schiffes oder bei der Be- und Entladung. Schneidige, fast militärisch klingende Signale. Die oft erwähnte japanische Höflichkeit indes kommt nicht zu kurz! Kurz nachdem die Bugrampe auf dem Kai liegt und der erste Mitarbeiter von Bord kommt, verbeugt er sich vor seinem Kollegen aus dem Hafen.

Ansonsten geht alles ruhig und gesittet, vor allem sehr höflich ab. Wenn ich das mal spontan mit einer Fährschiffbeladung in Marokko vergleiche…! Dort beginnt nach einer Weile ein Hupkonzert aller wartenden Autos, deren Insassen der Meinung sind, lange genug aufs Boarding gewartet zu haben. Hier dagegen Ruhe und höfliche Disziplin.

 

Hachinohe (八戸市) – oft von Tsunamis getroffen

DSC00040Vor allem der Fähren wegen führt mich mein Weg in die Hafenstadt Hachinohe, die nördlich von Sendai liegt. Auch Hachinohe wurde 2011 schwer vom Tsunami getroffen, was auf den ersten Blick allerdings nicht mehr erkennbar ist.

Hachinohe gehört zur Aomori-Präfektur. Der Ort ist vor allem bekannt für seinen Hafen und hat nationale und internationale Bedeutung. 48 Liegeplätze gibt es. Von hier aus gehen auch Übersee-Routen nach Taiwan, Singapore, Korea, Australien, Südamerika, Europa, Kanada und in die Vereinigten Staaten ab. Und natürlich Fährverkehr zur Insel Hokkaidō.

DSC00530Hachinohe wurde bereits öfter von Tsunamis getroffen, wie z. B. 1960 und 1968. 2011 schließlich so schwer, dass durch auslaufendes Öl die Wasserflächen des Hafen schwarz gefärbt waren. Allein 100 Autos wurden fortgeschwemmt. An diesem heutigen Tag ist das kaum vorstellbar, wie alles in Japan bisher begegnet mir auch dieser Ort voller “geordneter” Ruhe und Freundlichkeit.

 

Die Robotergarage von Aomori (青森市)

Auf meinem Weg nach Hokkaidō komme ich in Aomori vorbei und mache dort eine Pause, ehe am nächsten Tag meine Fähre nach Hakodate geht. Nicht das erste Mal schafft es mein Navigationsgerät nicht, mich korrekt zum Hotel zu bringen, was damit endet, dass ich durch die Straßen der knapp 290.000 Einwohner zählenden Großstadt irre. Solche Irrfahrten haben Vor- und Nachteile. Um mal bei den Vorteilen zu bleiben: Man kommt durch Straßen und Gassen, die wohl nur wenige Europäer zuvor gesehen haben. Ohnehin fällt mir auf, dass – bis auf Tokyo natürlich – kaum europäische oder amerikanische (“westlich” aussehende) Touristen unterwegs sind. Diese Beobachtung wird sich die gesamte Reise über noch fortsetzen.

DSC00609Mit etwas Glück finde ich irgendwann trotzdem noch das Hotel. Und hier mache ich die Bekanntschaft mit einem älteren Japaner, der wie fast alle kaum Englisch spricht, mit dem es aber dennoch gelingt, sich auszutauschen. Auf die Frage, woher ich denn kommen würde (Germany) antwortet er schneidig “deutsch deutsch” und lächelt. Offenbar scheint ihn das zu freuen. Ansonsten müssen wir beide eine fast non-verbale Diskussion austragen, denn er will mein Auto “irgendwohin” verfrachten. Der Hotelbeschreibung entnehme ich, dass das Hotel Parkplätze hat, ich sehe diese aber nicht. Stattdessen stehe ich vor einem Tor und einem dahinterliegenden Raum, in den ich fahren soll. Mir ist klar, dass das Auto “verschwinden” wird und ich versuche, dem Japaner mit Händen und Füßen klar zu machen, dass ich gerne wissen würde, ob ich später noch einmal ans Auto kann. Am liebsten würde ich erstmal im Auto bleiben und “mit verschwinden”, aber der gute Mann macht mir klar, dass das auf keinen Fall geht. Seine Geduld ist sehenswert, während ich mehrfach lachen muss, was auch ihn wiederum animiert, zu lachen.

DSC00612Irgendwann habe ich kapiert, wie das alles läuft: Die Garage ist im Prinzip ein riesiger Roboter, vergleichbar mit Einrichtungen von VW in Wolfsburg. Der Wagen wird auf eine drehbare Plattform gefahren und dann nach oben transportiert, wo er in die Schubbox Nr. 8 kommt. Ich habe so etwas noch nie gesehen, und es sieht nicht einmal mehr modern und neu aus. Scheinbar haben die Japaner das schon vor 20, 30 Jahren installiert. Das Gebäude selbst ist äußerst kompakt und schmal. Es muss recht hoch sein, denn als mein Auto später wieder herunterkommt, dauert es eine Weile.

Von Aomori gehen Fähren nach Hakodate ab. Sehr interessant und empfehlenswert ist das Museumsfährschiff HAKKODA MARU, das einst als Eisenbahnfähre Aomori mit Hakodate verband und durch den 1988 eröffneten Seikan-Tunnel, einem der längsten der Welt, ersetzt wurde.

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 Die HAKKODA MARU fuhr als Eisenbahnfähre zwischen Aomori und Hakodate und ist seit ihrer Außerdienststellung ein Museumsschiff.

 

Hakodate (函館) – Wiedersehen mit einer alten Bekannten aus Dänemark

DSC01804Mit der Fähre in Hakodate, der drittgrößte Stadt der nördlichen Hauptinsel Hokkaidō und Verwaltungssitz der Unterpräfektur Oshima, angekommen, geht es zunächst nach einem kurzen Aufenthalt am Fährterminal hinein in die Stadt. Dass mir dabei eine alte DSB-Fähre begegnen würde, ist völlig überraschend. Die HEIMDAL liegt im Hafen. Die ehemalige Autofähre der Dänischen Staatsbahnen, mit der ich 1994 von Knudshoved nach Halsskov gereist bin, ist längst keine Fähre mehr, sondern ein Kabelleger. Erinnerungen an eine andere Zeit werden wach, die 12.000 km von hier entfernt stattfand.

DSC01306Mein Ziel ist die Gegend um den Bahnhof, wo auch der Fischmarkt ist. Ein weiteres Museumsschiff aus der Zeit des Eisenbahnfährverkehrs zwischen Aomori und Hakodate liegt hier, die MASHU MARU. Es hat unweit des Bahnhofes in seinem alten, originalen Fährbett einen würdigen Platz gefunden. Viel ist hier leider nicht los… was heißt leider? Leider, weil ohne Besucher die Finanzierung sicherlich schwierig ist, gut allerdings, weil ich fast völlig freie Entfaltung habe und es mir nicht nehmen lasse, das Schiff zu besichtigen.

Mehr dazu hier: Museumsschiff MASHU MARU.

Im Fährterminal ist ein japanischer Spezialitätenladen, und ich lasse es mir nicht nehmen, Kuchen und Schokolade von Hokkaidō mitzunehmen.

Abends steht der Aufenthalt im Hotel Loisir an. Durch ein Zimmer in einer der oberen Etagen ist ein Blick auf die MASHU MARU und die Bucht möglich, ebenso auf den Mount Hakodate, wo eine Seilbahn hinaufführt. Es ist ein schöner Abend mit ebenso tollem Sonnenuntergang.

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 Sonnenuntergang in Hakodate

 

Auf schönen Wegen nach Otaru (小樽市)

DSC01905Viele Wege führen nach Rom und so natürlich auch nach Otaru. Als ich frühmorgens in Hakodate starte, wähle ich nicht die schnellste, sondern eine Route quer über die Insel. Das bereue ich nicht. Hokkaidō zeigt sich von seiner schönsten Seite, wenngleich es nebelig und diesig losgeht. Doch das löst sich bald auf. Über eine Straße, die später zu einer Küstenstraße übergeht, geht es langsam dem nächsten Ziel entgegen, vorbei an Orten wie Yakumo, Oshamanbe, Kuromatsunai, Suttsu, Iwanai und Yoichi.

DSC01964Immer wieder halte ich an und mache Fotos. Oder nehme mir die Zeit, um in japanischen Dörfern ein wenig zu schlendern und die Hokkaidō-Schokolade zu vertilgen. Sie ist gut, so gut, dass sie bald leer ist!

DSC01950Hokkaidō ist ein Schneegebiet. Jetzt Ende Mai findet er sich noch auf den Gipfeln der Berge. Es fällt schwer, diese Landschaft nicht schön zu finden.

Otaru war bis in die 1950er Jahre sogar bevölkerungsreicher als Sapporo. Die Stadt ist heutzutage Ausgangspunkt für diverse Skigebiete, von denen es auf Hokkaidō einige gibt.

Irgendwann lande ich am Fährterminal im Hafen sowie an einem Park, der zur Rast einlädt.

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Schönes Hokkaidō. Auf dem Weg von Hakodate nach Otaru kommen immer wieder tolle Motive zum Fotografieren.

 

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Auf Hokkaidō wechseln sich Küstenlandschaften mit Berglandschaften ab. 

 

In der grünen Hölle von Sapporo (札幌市)

DSC02170Auch wenn Hokkaidō eher beschaulich daherkommt, so ist Sapporo mit über eine Million Einwohnern eine typische japanische Großstadt. Nicht vergleichbar mit den ganz großen Städten, aber dennoch aus deutscher Sicht “riesig”.

DSC02209Ich habe mir in den Kopf gesetzt, Sapporo von oben zu sehen und will auf einen der Hügel, die es in der Stadt gibt. Ich habe keine Ahnung, wo ich landen werde, als ich den Highway verlasse. So geht es zunächst einmal durch die Stadt, ehe ich in Seitenstraßen einbiege und einfach Richtung der Hügelkette fahre. So lerne ich mehr von den Randbezirken kennen und wie die Japaner so leben. Wie überall ist es auch hier sehr ordentlich und erscheint äußerst lebenswert. Ich habe noch nie ein Land gesehen, dass permanent so sauber und “mülllos” ist, wenngleich ich ganz wenige Ecken in Japan entdeckt habe, in denen es anders ist. Aber wirklich sehr wenige! Meist ist es wirklich alles picobello! Und das bei so wenig aufgestellten Mülleimern.

DSC02185Sapporos Außenbezirke gefallen mir. Wo ich genau bin, weiß ich gar nicht. Ich schaffe es aber recht weit nach oben und irgendwann endet die Straße in einer Art “grünen Hölle”. Hier, tief drin in der Üppigkeit der japanischen Pflanzenwelt, gibt es irgendwann kein Weiterkommen mehr. Aber es lohnt, einmal den Motor abzustellen und der Geräuschkulisse zu lauschen. Nie gehörte Vögel schallen durch die waldartige Umgebung. Dazu ist es angenehm warm.

 

Tomakomai ( 苫小牧市) – letzte Station auf Hokkaidō

Südlich von Sapporo liegt Hokkaidōs größte Hafenstadt, Tomakomai. Der Tag ist sonnig, doch liegt draußen auf dem Meer dichter Nebel, der sich bis in die Küstenabschnitte zieht.

Tomakomai ist sicher einer der Orte, wo nur wenige Europäer Station machen. In der Stadt stelle ich dieses durchaus an den Reaktionen mancher Japaner auf mich fest, immer eine Art Stutzen angesichts meines seltsamen Aussehens. Niemals aber feindselig, eher neugierig.

Auch im Fährterminal von Tomakomai habe ich wieder so meine Schwierigkeiten, mit dem Personal zu kommunizieren. In Japan lebende Ausländer sind eher selten, doch habe ich das Glück, auf einen indischen LKW-Fahrer zu treffen, der nicht nur etwas Englisch kann, sondern auch etwas Japanisch. Er macht mir klar, was die Dame am Check in von mir will, die KFZ-Papiere des Autos, um einige Daten in das Ticket übernehmen zu können. Darauf wäre ich nie gekommen, denn ich habe noch nie erlebt, dass man bei einer Fährbuchung den KFZ-Schein vorlegen muss.

Von Tomakomai soll es abends mit der Reederei Shin Nihonkai nach Akita gehen. Mehr zu dieser Seereise hier: Mit Shin Nihonkai von Tomakomai nach Akita.

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Mit der Fähre FERRY AZALEA von Shin Nihonkai geht es von Tomakomai nach Akita. Hier kurz vor der Einschiffung in Tomakomai.

 

Akita (秋田市) – Beginn der spektakulären Strecke nach Niigata

DSC02621Akita betrete ich von der Seeseite. Als ich morgens mit FERRY AZALEA von Shin Nihonkai im Hafen ankomme, strahlt wieder die Sonne und der Nebel des Vortages ist weg. Akita wird für mich nur Durchgangsstation sein. Prinzipiell hätte ich auch nach Niigata weiterfahren können, denn das Schiff fährt nach kurzem Aufenthalt in Akita dorthin weiter. Ich allerdings möchte gern die Strecke von Akita nach Niigata landseitig erleben. Ich werde nicht enttäuscht.

DSC02591Diese Strecke ist sicher eines der Highlights meines Roadtrips. Es geht immer wieder auch über normale Straßen, durch Dörfer in den Bergen und dann wieder an der Küste entlang. Und auch der 2236 Meter hohe Mount Chōkai (鳥海山 Chōkai-san) liegt auf dem Wege. Dieser aktive Vulkan gehört zu den 100 bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Japans. Dem kann ich zustimmen. Sein schneebedeckter Gipfel begleitet während der Autofahrt recht lange.

DSC02802Ich mache in einem der Bergdörfer halt, um Fotos zu machen. Die Einheimischen sehen das. Es kommt ihnen sicher seltsam vor, jedenfalls schauen sie neugierig auf die “Langnase”… Ob sich hierher jemals ein Tourist verirrt hat? Solche Blicke auf Japan fernab der Touri-Ziele bekommt man jedenfalls nur, wenn man auf eigene Faust loszieht.

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Abstecher in das Dorf Ogoto.

 

Niigata (新潟市) – am historischen Museum

Die Großstadt Niigata an der Westküste der japanischen Insel Honshū empfängt mich mit einem seltsamen Sportlauf. Verschiedene Japaner, nicht allzu viele, rennen mehr oder weniger im Kreis, werden dabei angefeuert von anderen. Auch ist ein Getränkestand für sie aufgebaut und sie tragen Wettkampf-T-Shirts. Ich schaue mir das eine Weile an. Den Sinn verstehe ich nicht ganz, aber sie sind so leidenschaftlich dabei, dass es wohl eine bedeutende Sportveranstaltung für sie ist, allerdings ohne allzu viele Zuschauer.

DSC02855Ich halte mich im Bereich des historischen Museums auf, das, wie eigentlich alles in Japan, in eine sehr gepflegte Landschaft eingebettet ist. Die Garten- und Wasserbauten sind immer wieder beeindruckend. Schön sowieso!

Von Niigata aus kann man mit der Fähre zur Insel Sado übersetzen.

 

Jōetsu (上越市) & Naoetsu (直江津) – im japanischen Niemandsland

Jōetsu und sein Hafen Naoestu sind sicherlich keine Touristenorte. Mich hat es hier nur hergeführt, weil die Reedeei Sado Kisen mit einer Autofähre den Dienst zur Insel Sado aufrechterhält.

Von Jōetsu lerne ich vor allem die Gegend am Bahnhof kennen (Takada). Wie immer führt mich das Navi auch dieses Mal nicht zum Hotel, sondern ich lande irgendwo im nirgendwo. Die europäischen Koordinaten scheinen sich von den japanischen völlig zu unterscheiden, allerdings nur, wenn es um Hotels geht. Alles andere lässt sich problemlos finden.

Ich stehe also inmitten einer japanischen Stadt, habe keine Ahnung, wo das Hotel liegt und muss sehen, wie ich fertig werde. Immer wieder bekomme ich so Einblicke in japanische Lebensgepflogenheiten, sehe Häuser und oft enge Straßen, die dummerweise als Einbahnstraßen markiert sind. Das macht das Herausfinden aus diesem Labyrinth nicht einfacher. Trotzdem: Danke Navi!

Die Bahnhofsgegend von Jōetsu erscheint wieder einmal sehr gepflegt. Dort liegt mein Hotel. Natürlich kann auch hier niemand Englisch und so kommt einer der Angestellten extra mit zu meinem Auto, um mir den Parkplatz des Hotels zu zeigen. Die Damen an der Rezeption sind wie immer freundlich-reserviert, doch als ich gehe und ihnen den Rücken zuwende, tuscheln sie etwas. Nun ja, dieses hier ist definitiv kein Touristenhotel und Europäer sieht man hier wohl auch nur selten. Ich nehme es mit Humor, so wie auch das Hotelzimmer, in dem extra ein Schlafanzug auf dem Bett bereitliegt. Das ist nicht in jedem Hotel zu finden, jedoch durchaus keine Seltenheit in Japan. Übrigens gibt es in nahezu jedem Hotel, das ich im Laufe meiner Reise besuche, eine mit sehr vielen Funktionen ausgestattete Toilette… die Sitzheizung im Klodeckel ist nur eines von mehreren Features.

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Maritim geprägte Straßenlaternen in  Naoetsu

 

Besuch der Burg in Matsumoto (松本市)

DSC03127Die Stadt Matsumoto mit ihren 243.000 Einwohnern liegt im Zentrum Japans in der Präfektur Nagano und ist von der grandioser Landschaft der Dreitausender der japanischen Nordalpen und der Utsukushigahara-Hochebene umgeben. Sie ist vor allem bekannt für die Burg Matsumoto, die Teil des japanischen Nationalschatzes ist. Sie ist nicht auf einen Berg gebaut, sondern eine sogenannte Niederungsburg.

DSC03138Die Anlage befindet sich direkt in der Stadt, ist gut erreichbar und mit Parkplätzen ausgestattet. Erbaut wurde sie von 1593 bis 1594. Sie ist eingebettet in einen Schlosspark, der mit seinen (wie stets) perfekt gepflegten Gartenanlagen und dem die Burg umgebenden Gewässer sehenswert ist. Die Fische im Burggewässer kommen sofort, wenn man sich an sein Ufer stellt und wollen gefüttert werden. Hier ist kein Angler, vor dem sie sich fürchten müssten. Obwohl der Hintergrund der Burg ein kriegerischer ist, ist es hier friedfertig und ruhig, gerade am frühen Morgen.

DSC03144Es sind schon einige Leute unterwegs und hier und da wird man von Japanern angesprochen, ob man sie und ihre Familien nicht mal fotografieren würde. Dieser Bitte komme ich gerne nach. Arigatō (= Danke) höre ich immer wieder, immerhin eines der wenigen Wörter japanisch, über die mein Sprachschatz verfügt. Leider kann ich mich mit ihnen kaum unterhalten, aber Verbeugungen und andere Höflichkeitsbezeugungen bekomme ich zuhauf.

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Eingang der Burg Matsumoto.

 

Cape Irago (伊 良 湖 岬) bei Tahara (田原市) – viel Sand und Wind

Das Kap Irago auf der Atsumi Halbinsel, dem südlichsten Teil der Präfektur Aichi, ist ebenfalls einer jener Orte, zu denen sich Touristen, vor allem europäische, offenbar eher selten verirren. Zu Unrecht, wie ich finde, denn der Strand ist durchaus sehenswert. An diesem Tag knallt die Sonne vom Himmel und es ist arg windig. Draußen in der Ise-Bucht sieht man die nach Nagoya fahrenden Containerschiffe.

Von Irago aus fahren zwei Fähren der Reederei Ise Wan nach Toba auf der anderen Seite der Bucht.

DSC03364Ein großer Sandstrand sowie den Strand säumende Palmen lassen Urlaubsfeeling aufkommen. Die Wellen sind auch nicht schlecht. Badende sieht man trotzdem nicht, dafür aber viele japanische Besucher im Bereich des Hafengebäudes. Im Gebäude ist eine Art Markt aufgebaut, wo man Gemüse und diverse andere Dinge kaufen kann u . a. seltsam “breite” Mohrrüben, wie ich sie in Deutschland so noch nicht gesehen habe.

 

Nagoya (名古屋市) – endlich mal Baseball

In irgendeinem Reiseführer hatte ich gelesen, dass Baseball Sport Nummer 1 in Japan sei. Bislang sah ich jedoch nur Fußballspielende. In Nagoya aber bin ich erstmals Zeuge eines Baseballspiels.

Die japanische Großstadt mit ihren 2,3 Millionen Einwohnern durchfahre ich ansonsten rasch mit dem Auto. Sie ist kein bedeutendes Ziel auf meiner langen Reiseliste, ich kann sie dennoch etwas in Augenschein nehmen.

Abends bin ich am Fährterminal der Reederei Taiheiyo Ferry, die von hier einen Liniendienst nach Sendai und Tomakomai anbietet.

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Auf dem Isewangan-Expressway in Nagoya.

 

Big-Mac-Flut in Tsuruga (敦賀市)

Der Weg nach Tsuruga führt wie so oft durch die üppig bewachsene Hügel- und Bergwelt Japans. Es ist wirklich stets aufs Neue faszinierend, wie dicht die Hänge von Pflanzen bewachsen sind. Ein durch und durch grünes Land, dieses Japan. Was die Japaner im Bereich des Straßenbaus geleistet haben, ist beachtlich. Immer wieder Tunnel und Brücken, es scheint keine Hindernisse zu geben. Sämtliche Straßen sind in einem nahezu perfekten Zustand, keine Brücke ist aufgrund von Wartungsstau á la Deutschland gesperrt oder beeinträchtigt. Natürlich hat das auch seinen Preis, denn in Japan gilt ein Autobahnmautsystem. Mehr über das Autofahren in Japan hier.

DSC03675Der Ort Tsuruga liegt in der Präfektur Fukui an der Wakasa-Bucht. Ich halte mich an diesem Ort die Nacht über auf und gerate an ein sehr gutes Hotel mit schönem Blick auf Teile der Stadt.

Da die Japaner gerne amerikanisches Fastfood mögen, ist in vielen Orten entsprechende Gastronomie zu finden. Als ebensolcher Fan von Cheeseburgern und Co. lasse ich es mir nicht nehmen, das Sushi-Gedöns links liegen zu lassen und stattdessen beim örtlichen McDonalds vorzufahren (ja ja, ich weiß, welch kulinarischer Frevel, wird mir jetzt der ein oder andere vorwerfen, aber es soll doch auch mal wieder schmecken!). An der Essensausgabe gibt es wie immer große Probleme mit der Sprache. Das junge Mädchen am Drive-in-Tresen kann nicht ein einziges Wort Englisch, doch mittlerweile habe ich allerlei Maßnahmen ergriffen, die mir weiterhelfen sollen. So zeige ich ihr auf meinem iPad ein McDonalds-Menü und tippe darauf. Zu sehen ist ein Big Mac, eine Portion Pommes und eine Cola. Diese drei Sachen – ich zeige die Zahl drei mit meinen Fingern, hätte ich gerne. Sie lächelt und scheint mein System der Kommunikation gut zu finden.

Ich bin mit mir und der Welt im Reinen. Habe ich es endlich geschafft, die japanische Sprache auszutricksen.

Am Ende dann die Niederlage meines neuartigen Kommunikationssystems. Ich wundere mich schon, warum es solange dauert. Und so teuer ist. Die Dame reicht mir insgesamt drei Menüs in den Wagen. Ich habe plötzlich soviel auf dem Schoß, dass ich damit nicht wie geplant zum Hotel fahren kann, sondern an Ort und Stelle versuche, den Essensbergen Herr zu werden.

 

Biwa See (琵琶湖) – Besuch des Shirahige Jinja

DSC03758Japans größter See ist der bis zu 103 Meter tiefe Biwa-See, mit seiner Fläche von 674 m² immerhin größer als der Bodensee. Er wird vollständig von der Präfektur Shiga umgeben.

Für mich geht es von Nordwesten entlang an Takashima am Westufer des Sees Richtung Süden. Am Shirahige Jinja mache ich Rast. Sein Torii (= symbolisches Eingangstor des Schreins) steht vollständig im Wasser des Sees. Es ist recht ruhig an diesem Morgen. Auf dem Gelände des Shintō-Schreins bin ich fast der einzige. Eine ältere Frau fegt mit einem Strohbesen und schaut neugierig zu mir herüber.

Die Uferstraße führt direkt am Wasser entlang und gleich hinter ihr erheben sich mit sattem grün bewachsene Hänge. An den Bergen etwas weiter in der Ferne haben sich dunkle Wolken verfangen, doch über dem See steht die Sonne.

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Am Ufer des Biwa-Sees.

 

Besichtigung des Otowasan Kiyomizudera in Kyōto (京都市)

Zu einem der klassischen japanischen Touristenziele gehört Kyōto. Ich bin gespannt, ob sich das bislang etwas “touristenlose” Bild nun etwas ändern würde. Kyōto stand im Vorfeld der Reise ganz oben auf meiner Besuchsliste. Die Stadt war einst Sitz des kaiserlichen Hofes und bietet sehr viele Sehenswürdigkeiten. So viele, dass sie im 2. Weltkrieg von amerikanischen Bombardierungen verschont wurde, um die kulturellen Güter zu schützen.

DSC03827Kyōto bietet soviel, dass man sich vorher entscheiden sollte, was man sehen möchte. Häufig werden geführten Touren angeboten, doch wie immer ziehe ich es auch dieses Mal vor, auf eigene Faust loszuziehen. Ich wähle mir den Otowasan Kiyomizudera Tempel aus, eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten.

DSC03810Dazu fahre ich zunächst in die Stadt hinein. Einen Parkplatz in der Nähe der Anlage hatte ich vorher ermittelt, doch meist kommt es anders als geplant. Die überall präsenten Parkplatzwächter lassen mich nicht rein. Offenbar ist er vor allem für Busse reserviert. So gelange ich versehentlich in die extrem schmalen Seitengassen, die weder ein Wenden noch ein Zurückfahren zulassen. Mit einiger Sorge fahre ich hindurch, denn ich weiß weder, wo ich landen würde, noch, wo ich parken soll.

DSC03819Eine halbe Stunde lang versuche ich es im Umfeld und sehe auch diverse Parkplätze, von denen mir allerdings aufgrund meiner desolaten Japanischkenntnisse nicht klar ist, ob sie nun für Touristen gedacht sind oder nicht. Zumindest haben manche von ihnen eigenartige KFZ-Haltekrallen. So bleibt mir nichts anderes übrig, als rund 2 Kilometer entfernt zu parken und bis zur Tempelanlage zu laufen. Die Temperaturen haben bereits angenehme 25 Gard erreicht. Bepackt mit Foto- und Videoausrüstung geht es los.

DSC03856Die Anlage des Otowasan Kiyomizudera Tempels liegt erhöht und gemeinsam mit anderen “Pilgern” (so fühlt man sich fast) geht es die Straße hoch, auf der immer wieder Taxis Besucher nach oben bringen. In der Tat, hier ist touristisch schon wesentlich mehr los, vor allem aber sind auffällig viele japanische Schülerklassen auf dem Weg zum Tempel. Aufgrund ihrer Schuluniformen sind sie leicht auszumachen. Die Unterschiede zu deutschen Schulklassen sind immens. Zwar scheint keinerlei militärischer Schuldrill zu herrschen, aber insgesamt sind sie leiser und wesentlich angenehmer. Keine Brüllerei, keine allzu ausgeprägten Albernheiten – japanische Schüler scheinen sehr diszipliniert zu sein. Sie fahren aber offenbar auch gerne mit dem Taxi, denn immer wieder fahren an mir Taxis mit Schülern drin vorbei Richtung Tempelanlage.

Als ich das Gelände endlich erreiche, öffnet sich vor mir eine sehr malerische japanische Tempelanlage, die mit ihren rot-weißen Bauten beste Fotomotive abgibt. Vereinzelt sehe ich europäisch aussehende Touristen, hier und da mal ein französisches oder englisches Wort.

DSC03842Die Tempelanlage ist, wie alles in Japan, extrem gut gepflegt. Alles ordentlich, alles gut in Farbe. Von hier aus hat man einen guten Blick auf die Stadt Kyōto. Das soll auch in Zukunft so bleiben; die Stadt hat extra umliegende Grundstücke gekauft, um eine mögliche Bebauung mit Hochhäusern zu vermeiden.

Bis in das Jahr 798 geht die Geschichte des Otowasan Kiyomizudera zurück, wobei die heute zu besichtigenden Gebäude aus dem Jahre 1633 stammen. Kiyoi mizu bedeutet reines Wasser. Der Tempel wurde nach einem Wasserfall innerhalb des Komplexes benannt.

DSC03862Das Wasser soll heilende Kraft besitzen und manche Besucher trinken es. Ich kann an einer für mich fremdartigen Zeremonie teilnehmen, in der ein älterer Mann eine mir unbekannte religiöse Figur mit Wasser überschüttet. Die anwesenden japanischen Schülerinnen sind ziemlich aus dem Häuschen; es muss also wohl etwas sehr Besonderes sein.

Als ich irgendwann wieder am Auto bin, bin ich dem Sonnenbrand sehr nahe. Dennoch lohnte sich der Besuch der Tempelanlage. Diese und viele weitere kann man in Kyōto eingebettet in fantastische Natur finden, weshalb mir sofort klar ist, warum diese Stadt eines DER Topp-Japan-Reiseziele ist. Ich kann dem ohne Umschweife zustimmen.

 

Synthetisches in Kōbe (神戸市)

DSC04355Zusammen mit Ōsaka und Kyōto bildet diese Stadt das Herz der Kansai-Gegend und ist die mit rund 18 Millionen Einwohnern zweitgrößte Metropolregion nach Tokyo. Kōbe wurde am 17. Januar 1995 durch das Hanshin-Erdbenen schwer beschädigt. Das Epizentrum dieses Bebens lag nur 20 Kilometer südwestlich des Stadtzentrums.

Ich muss einmal quer durch die Stadt. Ich habe verschiedene Ziele, so die Hafengegend um den 108 Meter hohen Kōbe Port Tower sowie Rokko Island. Hierbei handelt es sich um eine große künstliche Insel in Higashinada-ku im Südwesten Kōbes, die von 1973 bis 1992 erreichtet wurde. Während des Erdbebens von 1995 war Rokko island die mit am schwersten betroffene Region Kōbes.

Mir kommt Kōbe sehr synthetisch vor, vor allem Rokko Island. Ich meine damit weniger die Tatsache einer künstlichen Insel. Vielmehr erscheinen die stets perfekt gestylten und gepflegten Häuserbauten fast schon wie aus einem Computerprogramm. Viele Menschen leben hier, doch ich mag mir nicht so recht vorstellen, dass es schön oder angenehm ist. Traditionell Japanisches wie in Kyōto findet man hier jedenfalls nicht.

Dafür diverse Fährterminals, einmal auf Rokko Island und dann etwas westlich davon, in Sichtweite des Kōbe Port Tower.

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Blick auf Kōbe.

 

Ōsaka (大阪市) – die unglaubliche Bautätigkeit der Japaner

Kōbe geht nahtlos über in Ōsaka. Grenzen sind nicht zu erkennen, so dass das ganze städtische Gebilde als ein großes erscheint. Und das ist gewaltig! Fährt man den beeindruckenden Harbour-Highway an der Ōsaka-Bucht entlang, so kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Es ist immer wieder beeindruckend, was die Japaner alles aufgebaut haben und aufbauen, seien es Gebäude, seien es Straßen oder im Besonderen Brücken und Tunnels. Die Kansei-Gegend bietet für Brückenarchitektur-Freunde extrem viele Sehenswürdigkeiten. Immer wieder überspannen riesige Brücken die künstlichen Inseln und Wasserzugänge. Eine Brücke faszinierender als die andere. Mal läuft der Verkehr auf 6 Spuren nebeneinander, mal übereinander. Man mag sich so etwas für Deutschland gar nicht vorstellen, wo jedes Bauwerk zunächst einmal durch Bürgerinitiativen und Gerichtsprozesse jahrelang verzögert oder verhindert wird (was natürlich seine volle Legitimation hat und sicher auch in Japan nicht unbekannt ist, siehe Bau des Flughafens Narita oder der davon abgehenden Shinkansen-Linie). Solche Gedanken kommen mir, als ich den Highway Richtung Ōsaka fahre (ich soll ihn in den folgenden Tagen rund 10 Mal erleben und “genießen”). Wie machen es die Japaner? Es sind ja nicht nur bauliche Anstrengungen, sondern vor allem administrative.

DSC04045Ich fahre mehrfach zu unterschiedlichen Zielen durch Ōsaka. Die Stadt ist riesig, es scheint keinen Anfang und kein Ende zu geben. Vor allem aber gibt es offenbar kein klar definierbares Zentrum, eher verschiedene urbane Zentren.

Auch vor Ōsaka befinden sich zahlreiche künstliche Inseln. Manche von ihnen beherbergen Wolkenkratzer und eigene Zentren, die eine komplette Versorgung ermöglichen und deshalb fast schon Städte innerhalb der Stadt sind.

Mein Zimmer habe ich im 41. Stock des Osaka Bay Tower. Soviel kann ich sagen: Der Blick aus dem Fenster auf das nächtliche Ōsaka haut um. Ein riesiges, endloses Lichtermeer erstreckt sich unter einem und zeigt, dass diese Stadt auch in der Nacht sehenswert ist. Vom Bett aus kann man auf das Lichtermeer schauen. Übrigens hat mich am meisten verwundert, wie leer die Straßen in Ōsaka am Abend sein können. Ein krasser Gegensatz zur Größe dieses städtischen Monsters.

Für meine maritimen Ambitionen steuere ich diverse Ziele an:

Nankohigashi (Ost)
Nankogai Port: atc cosmo gate
Nankominami, Nanko Ferry Terminal Kamome
Pan Star Terminal

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Blick vom 41. Stockwerk des Osaka Bay Towers. Ein schöneres Hotelzimmer kann man sich kaum wünschen. Osaka erscheint mir futuristisch, wie aus einem Science-Fiction-Film entsprungen. Fehlen nur noch Flugfahrzeuge, dann hat es was von Star Wars’ Planetenwelten.

 

Izumiōtsu (泉大津市) – nur der Fähren wegen

DCIM100GOPROG0072812.Hierbei handelt es sich um eine Stadt südlich von Ōsaka, die allerdings nahtlos an jene anschließt und mir eher wie ein weiterer Stadtteil der Riesenstadt vorkommt. Izumiōtsu steht nur auf meinem Programm, weil sich hier ein Fährterminal befindet.

Die Fährreederei Hankyu Ferry bietet ab hier einen Dienst nach Kitakyushu im Süden an.

 

Tokushima (徳島市) – südwestlichster Punkt meiner Reise

Die Stadt und Verwaltungssitz der gleichnamigen Präfektur liegt auf der Insel Shikoku. Natürlich muss man, um dorthin zu kommen, wieder über zahlreiche beeindruckende Brückenbauten fahren.

Tokushima verfügt über zwei Fährterminals, die am Fluß Yoshinogawa gegenüberliegen. Man kann von hier aus nach Wakayama und Kitakyushu fahren. Am Tage meines Besuches ist es äußerst windig, doch das Wetter ansonsten ganz gut. Meine Fahrt führt durch einige Stadtbezirke und die Brücke über den Yoshinogawa.

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Typisch für Japan sind Automaten, wie hier in Tokushima, aus denen man sich diverse Getränke, manchmal auch Lebensmittel wie Suppen oder Snacks ziehen kann. Das ganze Land ist übersät von solchen Automaten. Während meiner Reise durch Japan lerne ich diesen Service sehr zu schätzen.

 

Akashi-Kaikyō (明石海峡大橋) – Brücke mit der größten Stützweite der Welt

DSC04456Will man von Kōbe nach Süden, so liegt die große Akashi-Kaikyō-Brücke auf dem Weg. Es lohnt sich, einmal von der Straße abzufahren und Pause am Fuße der Brücke zu machen, was sehr gut möglich ist im südlichen Brückenbereich, auf der Awaji-Insel. Hier befindet sich ein Aussichtspunkt, wobei es möglich ist, auch noch etwas am Ufer entlangzufahren, um zu einem anderen Punkt auf der anderen Seite der Brücke zu kommen.

Die Brücke ist 3911 Meter lang und fast 300 Meter hoch. Die beiden Brückentürme sind 1990,8 Meter voneinander entfernt. Eigentlich waren nur 1990 Meter geplant, doch das große Erdbeben von 1995 schob die Türme 80 Zentimeter auseinander.

Im April 1998 wurde die Brücke eingeweiht. Umgerechnet rund 7,5 Milliarden Dollar kostete der Bau.

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Der Kōbe-seitige Brückenpfeiler, fast 300 Meter hoch. Die Fähre KONPIRA 2 passiert gerade die Brücke auf ihrem Weg in den Süden nach Takamatsu.

 

Shizuoka (静岡市) – am Fuße des Fuji

An der Suruga-Bucht liegt die Stadt Shimizu. Shizuoka liegt am Fuße des größten japanischen Berges, des Fuji.

DSC04660Als ich in Shizuoka ankomme, ist der Fuji vollständig in Wolken gehüllt. Den Tag über regnet es heftig, die bislang stärksten Regenfälle während meines Japan-Besuches. Ich bedaure dieses etwas, zu gerne hätte ich den Fuji von hier aus gesehen.

Nach und nach wird das Wetter besser. Zum Mittag hat es aufgehört zu regnen und der Fuji ist sichtbar, jedenfalls der untere Bereich. Der Gipfel liegt nach wie vor in den Wolken, aber es wird immer klarer, so dass der Blick auf den Berg später noch gelingen wird.

 

Fuji (富士山) – höchster Berg Japans

Der Besuch des “heiligen Berges” Fuji, den jeder Japaner einmal in seinem Leben erklimmen sollte, ist zunächst von tiefhängenden Wolken geprägt, die den Berg und später noch den Gipfel in ein weißes Wattekleid hüllten. Zunehmend wird es allerdings besser und so gelingt von Gotemba aus ein schöner Fotoblick auf den Berg. Eine Besteigung ist nicht möglich, weil dieses offiziell nur in den Monaten Juli und August gestattet ist.

Der Fuji ist 3776 Meter hoch und durch seine Kegelform sicher einer der schönsten Vulkane. Letztmalig ausgebrochen ist er 1707.

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Blick auf den Fuji.

 

Yokosuka (横須賀市) – Besuch der Station Kurihama

Von Kurihama fahren Fähren nach Kanaya, was mein Grund für den Besuch dieses Ortes ist.

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Station Kurihama mit der Fähre nach Kanaya.

 

Yokohama (横浜市) – mein persönlicher Favorit

DSC04890Die zweitgrößte Stadt Japans hat mir von allen großen besuchten Städten mit Abstand am Besten gefallen. Wie bei allen japanischen Städten so ist auch hier die Fahrt durch die Stadt weder stressig noch unangenehm.

Yokohama kam mir sehr offen, international und weitaus wenig synthetisch vor als z. B. Ōsaka oder Kōbe, obwohl auch Yokohama von ähnlichen Bauten geprägt ist. Hier aber hat man teilweise sehr schöne Orte erschaffen und alte, frühere Elemente mit in die Architektur einbezogen.

Zunächst ist da das Museumsschiff HIKAWA MARU am Yamashita Park. Von dort aus kann man am Wasser und über eine sehr lange Brücke bis zum Landmark Tower und weiter in die Stadt hineingehen. Ein Auto braucht man hierfür nicht. Teilweise kann man auf den ehemaligen Gleisen einer Eisenbahn wandeln, deren Gleise noch liegen, die aber zu einem Weg umfunktioniert wurde.

DSC04935Die Gegend um den 296 Meter hohen Landmark Tower bietet viel. Hier ist ein Vergnügungspark mit großem Riesenrad angesiedelt, dazu das Yokohama Port Museum und das 1930 erbaute Museumsschiff NIPPON MARU, das in einem alten Dock liegt. In der Nähe befindet sich außerdem das NYK Maritime Museum.

DSC04964Ebenfalls absolut empfehlenswert ist die Autofahrt von Yokohama nach Tokyo und daran vorbei auf dem Metropolitan Expressway, vorzugsweise am Abend oder in der Nacht. Erst jetzt wird die Größe dieser Metropolregion deutlich. Es geht kilometerweit an immer anderen Hochhäusern und Stadtteilen vorbei, so dass man eine ungefähre Vorstellung von der Größe Tokyos bekommt. In der Ferne lässt sich auch der Tokyo Sky Tree erkennen. Immer wieder kann man auch große Riesenräder sehen. Ich habe noch nie so viele Riesenräder gesehen. Offenbar stehen die Japaner völlig darauf.

DSC04996Auch in Yokohama befindet sich ein Riesenrad, eingebettet in einen Vergnügungspark gleich am Wasser.

DSC05002Der Landmark Tower, Yokohamas höchstes Gebäude.

 

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Tschüss Japan!

Der Rückflug findet wieder mit einer Boeing 747-400 statt. Sie ist nur zu etwa einem Drittel gefüllt. Noch nie hatte ich einen so leeren Flug. Und als die Maschine nach 11 Stunden endlich in Frankfurt landet, geht eine Reise zu Ende, die niemals in Vergessenheit geraten wird. Japan ist immer noch ein Land zwischen Moderne und Tradition und es machte riesigen Spaß, immer tiefer vorzudringen. Über 4000 Kilometer über Straßen, auf denen man fast ganz alleine mit den Japanern ist.

Bis zum nächsten Mal, Japan! Freue mich schon.

ありがとう

 

         

 

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