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Ein letztes Mal, JOACHIM!

06.06.2017 • DSB Fähren, Eisenbahnfähren, Ferry Crossings, Seereisen, Travel Blog

Die ehemalige DSB- und spätere Scandlines-Fähre PRINS JOACHIM der Fährlinie Rostock-Gedser ist nach ihrem Verkauf nun als MOROCCO STAR zwischen Europa und Afrika unterwegs. Ende Mai 2017 hatte ich die Gelegenheit, sie zu besuchen und noch einmal mitzufahren. Ein Erlebnisbericht aus einer etwas anderen Welt der Fährschifffahrt.

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Die PRINS JOACHIM kreuzte meinen Lebensweg mehr als einmal. Erstmalig begegnete ich ihr auf dem Großen Belt, wo sie seit 1980 als Inter-City-Fähre der Dänischen Staatsbahnen (Danske Statsbaner DSB) zwischen Korsør und Nyborg zusammen mit ihren Schwesterschiffen DRONNING INGRID und KRONPRINS FREDERIK unterwegs war und ich als Passagier mehr als einmal und sehr gerne Station machte. Dieses Video zeigt eine meiner Fahrten über den Großen Belt. Lange ist es her, dennoch unvergessen.

Jahre später, Ende der 1990er Jahre, war ich als Vertreter eines Schiffsmaklers bei Verkaufsbesichtigungen in Nakskov dabei. Nach dem Ende des Fährdienstes zwischen Korsør und Nyborg durch die Eröffnung der Brücke über den Großen Belt lag das Schiff dort mit vielen anderen beschäftigunglosen DSB-Fähren auf und stand zum Verkauf.

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Als Eisenbahnfähre auf dem Großen Belt, hier einlaufend in Korsør 1994.

Sofern ich mich richtig erinnere, hatte ein reicher Geschäftsmann aus Saudi Arabien Interesse. Zusammen mit ägyptischen Vertretern, darunter einem Kapitän, kam er nach Rødby (wo die ebenfalls zu besichtigende KARL CARSTENS damals lag) und Nakskov. Ich wiederum wurde von meinem Auftraggeber (er hatte die Besichtigung des arabischen Geschäftsmannes über die Ägypter eingefädelt) auf alle Schiffe geschickt und vertrat als nautischer Vertreter dessen Interessen.

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Nach dem Ende des Fährdienstes auf dem Großen Belt lag die PRINS JOACHIM als Auflieger in Nakskov, hier zusammen mit ihrer Schwester DRONNING INGRID, die heute als Hospitalschiff AFRICA MERCY unterwegs ist.

Zwar wurde das Schiff nicht gekauft, da es dem arabischen Interessenten zu teuer war, wohl aber andere DSB-Fähren, nämlich die SPROGØ und ARVEPRINS KNUD. Wie auch immer, diese Besichtigung war äußerst interessant. Es kam zwischen den Ägyptern zu einem heftigen Streit an Bord, der fast darin mündete, dass beide Seiten die Säbel zückten und ich ernsthaft befürchtete, es würde gleich Tote geben. Immerhin erwies sich der arabische Geschäftsmann als sehr generös und lud alle zu einem Essen in einem ländlichen Restaurant bei Nakskov ein.

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Kurz vor der Umflaggung in Rostock im Jahre 2012.

Noch einmal Jahre später trat die PRINS JOACHIM erneut in mein Leben. Da Scandlines sie nicht verkaufen konnte, setzte man sie als weiteres Schiff zwischen Rostock und Gedser ein. Dort zog der Verkehr an. Nachdem ich zunächst als 2. und 1. Nautischer Offizier auf der DRONNING MARGRETHE II auf eben jener Strecke tätig war, wechselte ich nach dem Verkauf jener Fähre als 1. Offizier auf die PRINS JOACHIM, die seinerzeit unter dänischer Flagge mit deutsch-dänischer Besatzung fuhr.

Nach der Ernennung zum Kapitän verließ ich die PRINS JOACHIM für mehrere Jahre und kehrte 2012 ein letztes Mal zurück. Die Geschäftsleitung der Reederei hatte beschlossen, das Schiff nach Deutschland umzuflaggen. So kümmerte ich mich u. a. ab März 2012 um die Einflaggung und wurde kurze Zeit später der erste deutsche Kapitän auf dem Schiff. Damals wurde das Schiff in einer Nacht-Aktion umgeflaggt und mit neuem Heimathafen Rostock und weitgehend neuer Besatzung auf die erste Reise geschickt. Ich blieb aber nur noch für wenige Monate an Bord, ehe ich auf ein anderes Schiff wechselte.

Die PRINS JOACHIM fuhr noch einige Jahre weiter, ehe sie 2016 schließlich an griechische Interessenten verkauft wurde. Mit ihrem Abschied endete eine Ära, immerhin war das Schiff seit 1980 für die DSB und später Scandlines unterwegs.

 

Eine Fahrt mit der alten JOACHIM

In diesem Mai 2017 ist das Schiff nun als MOROCCO STAR zwischen Algeciras (Spanien) und Tanger Med (Marokko) für die recht neue Reederei Africa Morocco Link (AML) unterwegs, einem griechisch-marokkanischen Joint Venture.

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Als MOROCCO STAR auslaufend Algeciras am 31.05.2017.

Mein Ticket habe ich bereits vorab über die Website der Reederei gebucht. In Algeciras muss ich zunächst in das dortige Hafenbüro der Reederei, um die Dokumente in ein Ticket umzutauschen. Gleichzeitig werden dabei die Personalien aufgenommen.

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Blick vom Landgang in Algeciras auf den Vorschiffsbereich.

Das Anbordkommen ist gar nicht so einfach, wie man es aus Nordeuropa kennt. Nach der Kontrolle der spanischen Grenzpolizei wartet die Security-Kontrolle, wo mitgeführte Sachen wie am Flughafen überprüft und durchleuchtet werden. Nachdem auch das (und ein Fußweg zum Anleger) überstanden ist, liegt sie vor mir, die alte PRINS JOACHIM, nun MOROCCO STAR.

Unverkennbar! Das wummernde Maschinengeräusch hat sich (natürlich!) nicht verändert, die ehemalige PRINS JOACHIM ist deutlich wahrnehmbar. Das Äußere dagegen ist schon etwas anders als gewohnt. Der neue Anstrich sticht sofort ins Auge. Meiner Meinung nach sah sie so gut das letzte Mal in ihrem schwarz-weißen Farbkleid bei der DSB aus. Schnittig, trotz ihrer 37 Dienstjahre fast schon modern.

An diesem Sonntag gehen nur wenige Passagiere an Bord. Es sind in der Mehrzahl offenbar Marokkaner. Spanier sehe ich keine, sonstige Europäer auch nicht.

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Der Mittschiffsbereich. Nun zwar in weißer Farbgebung, aber unverkennbar DSB-Style.

Was mir sofort auffällt: Das Schiff sieht innen sehr gut aus. Sehr sauber, ordentlich und in einigen Bereichen sogar frisch renoviert. Große Klasse! Der Supermarkt achtern existiert nicht mehr und wurde durch Kabinen ersetzt. Scandlines-Teppiche finden sich immer noch, klar erkennbar an ihrer Farbgebung. Achtern sind Ruhesessel installiert worden und ein Gebetsraum. Die Reedereien zwischen Europa und Afrika setzen zunehmend auf diese Gebetsräume, wie jüngst auch die italienische GNV, die auf der GNV ATLAS (ex OLAU BRITANNIA) ein solches Angebot vorhält.

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Auch hier immer noch DSB-Interieur. Als wäre es erst gestern gewesen, als das Schiff als IC-Fähre unterwegs war.

An Deck ist es ähnlich: Man findet in den öffentlichen Bereichen kaum schadhafte Stellen in der Farbgebung. Das wäre nicht mal schlimm und auch nichts ungewöhnliches, aber hier ist einfach alles “Tip Top”.

Die Crew an Bord ist ein Mix aus Griechen und Marokkanern. Der Kapitän ist griechischer Nationalität.

 

Die Überfahrt …

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Ablegen in Algeciras. Ein weiterer Verteran aus dänischen Gewässern ist die für FRS fahrende TANGER EXPRESS (ex METTE MOLS).

… beginnt mit einiger Verspätung. Warum ist mir nicht ersichtlich, das Schiff ist weder voll noch kam es allzu spät an. Die Beladung verläuft eher “entspannt”. Lustig sind einige Griechen, die mir sehr freundlich zuwinken oder zulächeln, während vor allem das marokkanische Cateringpersonal keine Miene verzieht. Immerhin, an der Information ein anderes Bild, dort lächelt man “schüchtern”.

Die Durchsagen gehören wahrscheinlich zu den längsten, die je auf einer Fähre durch die Lautsprecher dudelten. Es findet überhaupt kein Ende. Was da alles gesagt wird, erschließt sich mir nicht, aber es beginnt um 18:00 Uhr und endet 13 Minuten später.

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Mein “Abendessen” auf dieser Fahrt zwischen Europa und Afrika.

Das Serviceangebot an Bord steht im Kontrast zum guten Zustand der MOROCCO STAR. In der Cafeteria mittschiffs kann man ein paar Softgetränke erwerben, drei, vier Sandwiches liegen in der Auslage, ein paar Snacks und drei einsame Muffins, von denen ich mir direkt einen kaufe, nachdem ich den Mitarbeiter explizit auffordern muss, mich mal zu bedienen und vom Smartphone abzulassen. Ob es nun ein spanischer, marokkanischer oder gar griechischer Muffin ist, entzieht sich meiner Kenntnis, aber er ist gut. Innen mit cremiger Schokoladenfüllung. Pluspunkt!

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Ich könnte es aber auch etwas “feudaler” statt Muffin und Cola haben, im Restaurant gibt es an diesem Abend diese Speiseauswahl.

Im ehemaligen Buffet-Restaurant vorne kann man warme Speisen erwerben, aber auch hier ist das Angebot so dürr wie die Sahara. Aus meiner Sicht sieht es nicht besonders appetitlich aus, aber ich will nicht zu kritisch sein: Pommes rot-weiß mit den altbekannten Pølsern sind ja auch keine kulinarische Glanztat und passen ganz sicher nicht hierher – aber waren in den alten Zeiten immerhin doch lecker!

Wie fast überall auf dem Schiff gähnende Leere. Vielleicht ist das der Grund für das klägliche Angebot, das übrigens auch im Bordshop gleich bei der Cafeteria mittschiffs vorherrscht. Die Regale des Ladens sind halbleer, ein bisschen Parfürm kann man kaufen.

Aber was soll´s, es geht nach Afrika, wer will da schon unter Deck bleiben und einkaufen? Ich spaziere also über die (nun grauen) Decks des Schiffes und schaue mir die Vorbeifahrt an Gibraltar an. Ich beobachte, wie einige der Passagiere an Deck zu Allah beten. Es ist definitiv nicht in Richtung Mekka, aber mir sagte mal ein Moslem auf Nachfrage, dass es auf Schiffen erlaubt sei, in jede Richtung zu beten. Hier erfolgt es auf einer der Bänke.

 

Stress mit “Barack Obama”

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Die rote Halle – rød trappe hall. Hier ist heute die marokkanische Passkontrolle untergebracht.

Noch auf dem Schiff muss übrigens die Einreisekontrolle für Marokko erfolgen. Dazu hat man in der alten Information in der vorderen Halle eine Art Einreisebüro geschaffen, während sich in der hinteren Halle (wer die PRINS JOACHIM noch kennt, es sind die roten und blauen Treppenhallen) nun die neue Information befindet. Übrigens mit großem Bild des marokkanischen Königs an der Wand. Was wohl Prins Joachim dazu sagen würde?

In der Einreisekontrolle sitzt ein Doppelgänger des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama. Fast jedenfalls. Er fordert sofort meinen Reisepass, was mich stutzig macht, denn Reedereien wie Balearia informieren auf ihren Websites, dass für einen sogenannten 1-Tages-Besuch in Tanger der Personalausweis völlig ausreichend sei. So lege ich unvorsichtigerweise zunächst meinen Personalausweis vor, was ‘Barack’ sichtlich nervt. Noch einmal höre ich was von “Passport”, noch einmal laufen meine Gehirnwindungen heiß und ich suche in meinem Fotorucksack nun nach dem Reisepass. Nachdem ich diesen dem Beamten vorgelegt habe, belehrt er mich in arroganter Art und Weise, dass “genau das” ein Pass sei, das andere aber nur eine ID-Karte. Ach nee Barack! Ich erwidere genervt etwas von “Wie gut, danke, dann weiß ich es jetzt”, ehe er zum nächsten ausholt und mir nun einen Zettel mit meinen Daten vorlegt, den ich vervollständigen solle.

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Ruhesessel und Gebetsraum im achteren Salon.

Zu dumm, ich habe aber keinen Kugelschreiber dabei, während Barack einen in seiner Hand hält. Nach einem kurzen, aber intensiven inneren Abwägeprozess erlaube ich mir, ihn nach dem kleinen Gerät zu fragen. Er lehnt natürlich ab, er könne mir den nicht geben. Die Schlange hinter mir wird bereits länger. Mein in Wallung gebrachtes Blut muss ich zügeln, sonst endet das hier heute schlecht für mich, geht mir durch den Kopf.

Und das hier, an diesem Ort! In dieser Halle! Einige Jahre zuvor stand ich hier als Kapitän und hielt die erste Ansprache an die neue deutsche Besatzung, nach dem ein Sicherheitsmanöver nicht zur Zufriedenheit verlaufen war. Allerdings war ich wesentlich freundlicher als es Barack nun zu mir ist.

Doch Obamas Fast-Zwilling lenkt plötzlich ein und faucht etwas von “Gib’ schon her, ich mache das schnell für dich”. Oh! Danke. Nett. Er denkt sich wahrscheinlich, es lieber hier und schnell abzuhandeln, ehe mich noch einmal vor seinem Schalter sehen zu müssen.

“Your job?”

Wie bitte?, geht es mir durch den Kopf. Muss das sein?

” Do you have a job?”, bohrt er wieder, mit genervter Stimme.

Kapitän!

Kapitän? Er stutzt. “Air or sea?”

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Die alten DSB-Streifen sind deutlich erkennbar und können vom AML-Logo nicht gänzlich überdeckt werden.

Na, Seefahrt natürlich! Und das ist der Wendepunkt. Der Widerspenstigen Zähmung ist gelungen. Baracks verspannte Gesichtszüge lockern auf. Und als ich noch anfüge, dass ich auf genau diesem Schiff Kapitän war, ist er vollends verzückt. Die Vergangenheit, ja unser unrühmliches Kennenlernen… Plötzlich ist alles vergessen. Er lächelt nicht nur, er macht plötzlich sogar Scherze und will “alles” aus den alten Zeiten wissen, inklusive, ob ich nun da sei, um das Schiff wieder nach Nordeuropa zurück zu holen.

“Nein nein, ich will nur mal mitfahren. Es macht hier doch sicher einen guten Job”, beruhige ich ihn.

Wie auch immer, ab jetzt sind wir “quasi Freunde”. Für ihn ist es völlig egal, dass hinter uns viele Menschen warten. Er erzählt und fragt, seine Augen leuchten. Eine schöne Zeit in Marokko, wünscht er mir noch, ehe ich seinen Schalter wieder verlasse und mich zurück an Deck bewege.

 

Tanger Med – oh je!

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Das Heck der MOROCCO STAR mit der marokkanischen Staatsflagge.

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Diese Stempel der Ein- und Ausreise wollte ich NICHT haben. Ein Tag in Marokko? Wegen einer alten Fähre? Verdächtig. Was wird Donald Trump dazu sagen?

Die meisten Menschen, die nach Marokko mit der Fähre fahren, wollen dort einreisen. Logisch. Ich will das definitiv NICHT, muss aber. Richtig gelesen. Ich habe eine Hin- und Rückfahrt gebucht, doch weder in Algeciras noch auf dem Schiff kann man mir ein Ticket für die Strecke Tanger-Algeciras ausstellen. So muss ich – ob ich will oder nicht – in Marokko einreisen. Barack hat mir bereits den entsprechenden Stempel in den Pass gedrückt. Ich bedaure das, will noch sagen: “Lass es! Ich will keinen marokkanischen Stempel in meinem Pass haben”, doch es ist zu spät. Nun ist er drin und ich male mir beim Passieren der Mole des Hafens Tanger Med aus, welche potenziellen Probleme nun vielleicht auf mich bei der nächsten Einreise in die USA zukommen werden.

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Die Fähren POETA LOPEZ ANGLADA und CIUDAD DE MALAGA im Hafen Tanger Med.

Und das alles wegen der alten JOACHIM!

Tanger Med ist ein recht neuer Hafen. Es ist schon beeindruckend, was der marokkanische Staat hier aus dem Borden gestampft hat. Keine Frage, es ist eine moderne Anlage, bei der allein das Containerterminal gut 2 Milliarden Euro gekostet hat.

Ich muss zunächst das Schiff verlassen und geselle mich zu den anderen, wartenden Passagieren, als plötzlich Barack vorbeikommt. Komm mit mir mit, sagt er, du brauchst nicht zu warten. Flugs sitze ich in einem Bus der Marke “Cobus”, wie er sonst meist an Flughäfen anzutreffen ist, und fahre zusammen mit Barack durch endloses Hafengelände. Der Terminalbereich des Hafens liegt recht weit von den Fähranlegern entfernt.

Auch hier wieder Sicherheitskontrollen. Die Einreisenden haben zu meinem stetig steigenden Frust riesige Gepäckmengen dabei. Die MOROCCO STAR legt aber schon wieder innerhalb der nächsten 60 Minuten ab. Das ist nie zu schaffen. Doch zum Glück habe ich meinen neuen “Freund”, der es mir ermöglicht, mal eben an der langen Schlange vorbei zur Kontrolle zu kommen, wo ich ebenfalls passieren darf, ohne tiefer geprüft zu werden. Wie gut, dass ich Kapitän geworden bin!

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Im Terminalgebäude von Tanger Med. Würde dieses Bild auch Ton beinhalten, so könnte man den durch die Korridore schallenden Krawall hören, der allein dadurch ausgelöst wurde, dass mir ein Mann eine Telefonkarte verkaufen wollte.

Hier trennen sich unsere Wege. Mein neuer Kumpel verschwindet in den riesigen Gebäudearealen und ich mache mich auf zum Ticketschalter der Reederei AML. Ich habe gerade den Security-Bereich verlassen, als mich ein Mann anspricht und mir eine Telefonkarte verkaufen will. Dankend lehne ich ab und er nimmt das freundlich auf, doch keine Sekunde vergeht, da stürzt sich ein Sicherheitsmann (ob nun Polizei oder nicht erkenne ich nicht) auf ihn. Ein wilde und lautstarke Auseinandersetzung entbrennt, die in Rangelei und Handgreiflichkeiten mündet, weil nun noch mehr Sicherheitsleute dazu kommen. Ich beobachte, wie aus dem Tunnel des Bahnhofs – dieses Terminal hat seinen eigenen Gleisanschluss, wirklich sehr innovativ gemacht! – weitere Gestalten auftauchen, um dem Mann zur Seite zu stehen.

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Marokkanische Siedlung, südlich von Tanger Med.

Ich habe längst genug und will nur noch mein Ticket haben, während ich im Hintergrund höre, wie die Auseinandersetzung immer heftiger wird. Bloß weg hier, denke ich mir, als ich in den Security-Bereich trete und mich erneut einem Grenzbeamten stellen muss. Der ist freundlicher, als es Barack anfangs war und wird noch freundlicher, als er (wieder auf Nachfrage zum Ausfüllen der Papiere) erfährt, dass ich Kapitän bin. Sehr entspannt füllt er mein Dokument aus, will wissen, ob ich Kapitän bei Balearia bin. Nicht ganz, sage ich, aber so ähnlich.

Zurück geht es mit dem Bus zur MOROCCO STAR, wo ich ebenfalls noch zwei Mal kontrolliert werde. Die Sicherheitsmaßnahmen hier sind sehr ausgeprägt, was kein Wunder ist, denn zum einen gibt es hier die Flüchtlingsproblematik (übrigens schon weitaus länger als erst seit dem Syrienkrieg), zum anderen Drogenschmuggel.

 

Meine allerletzte Fahrt mit der alten JOACHIM – ich falle auf!

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Am Anleger in Tanger Med.

Nun ist es soweit, meine wirklich letzte Fahrt mit diesem Schiff steht an. Verspätet verlassen wir Tanger Med. Wir sind nur wenige Seemeilen vom Hafen entfernt, als mich plötzlich ein Mann in Offizierskleidung verfolgt und anspricht. Was ich hier mache, was ich tue, ohnehin, was ich hier will.

Ich stutze. Was ist denn das nun wieder? Dieser Trip nach und von Marokko hat so langsam das Potenzial, in meine ganz private Fährgeschichte einzugehen.

Gibt es ein Problem? Offenbar! Aber welches?

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Das Autodeck des Schiffes. Die Schienen sind noch erkennbar.

Der Mann stellt sich als der Hoteldirektor des Schiffes heraus. Ich sei aufgefallen, weil ich bereits auf der Hinfahrt an Bord war. Es sei völlig unnormal, dass jemand hin und zurück fährt. Und schließlich hätte ich gefilmt und Fotos gemacht. Das sei noch unüblicher. Die marokkanische Polizei hätte das gesehen und schon “seltsam” geguckt. Wenngleich neben mir mindestens zwei andere standen und mit ihren Smartphones fotografiert haben. Dennoch – hier sei man schließlich nicht in Europa, meint er, hier ist alles “etwas anders”. Mein Name bitte! Wer bin ich? Woher komme ich?

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In herrlichem Abendsonnenschein geht es in der Straße von Gibraltar Europa entgegen.

Ein kleines Verhör? Locker bleiben, denke ich und sage ihm, was auch schon bei Barack geholfen hat. Bin Kapitän, das hier war mal “mein” Schiff und ich wollte einfach nur mal schauen und ein paar Bilder machen. Wie auf Knopfdruck verändert sich die Stimmungslage nun auch bei ‘Christos’… Ich nenne ihn einfach mal so, weil ich glaube, dass er sich so oder so ähnlich mir vorgestellt hat.

Nun bin ich auch sein “Freund”, es ergibt sich ein längeres Gespräch über das Schiff, die Seefahrt und den Betrieb bei AML.

“Ist es ein Problem, hier Bilder zu machen?” frage ich ihn. Solange ich ein Tourist bin, “Nein” sagt er. Kein Problem. Ich denke kurz darüber nach, was ich sonst noch alles außer Tourist sein könnte, verwerfe aber schnell diese Gedanken.

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In der Straße von Gibraltar passiert uns STENA CARRIER.

Er bietet mir Essen an, was ich freundlich ablehne. Und ob ich den Kapitän sprechen möchte. Nein, auch das nicht, der Mann braucht seine Ruhe. Ich kenne das. Ob ich denn wenigstens auf die Brücke wolle. Um Gottes Willen nein, denke ich. Ich habe in meinem Leben viele Schiffsbrücken gesehen, das brauche ich nicht in meiner Freizeit. Und diese Brücke hier habe ich so oft erlebt, dass es für fünf weitere Leben reicht.

Ich will einfach nur ein bisschen die Fahrt genießen und ein paar Bilder machen, entgegne ich freundlich. Christos versteht es und ich kann weiter einige Kameraschwenks machen. Wohl war, meine Laune ist trotz der netten Konversation dahin. Ich habe keine Lust mehr. Es ist nicht schön, unter Beobachtung zu stehen.

 

Fazit

Die Fahrt endet in Algeciras mit gemischten Gefühlen. Ich habe noch einmal die alte PRINS JOACHIM erlebt, nun in einem neuen Einsatzgebiet. Sie kann locker mit weit jüngeren Schiffen hier mithalten, wie ich einige Tage später bei einer weiteren Fahrt mit Balearia von Algeciras nach Ceuta feststellen werde. Die derzeit älteste Fähre hier ist gleichzeitig eine der besten, wenn nicht sogar die beste. Wenn das kein Ansporn ist, noch ein paar Jahre “durchzuhalten”, ehe Alang oder Co. als Endstation warten.

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Der Tag endet langsam. Die Fahrt auch. Meine letzten Minuten auf der MOROCCO STAR.

Aber das Drumherum macht keinen Spaß, was jedoch nicht an Reederei und Schiff liegt. Natürlich war mir vorher klar, dass das hier nicht Gedser-Rostock oder das geradezu beschauliche Skandinavien ist, sondern an der Grenze Europas in einem doch recht sensiblen Gebiet seinen ganz eigenen Spielregeln unterliegt. Hier bemerkt man schnell die Nervosität, die aktuelle Sicherheitslage und generell eben die problematische Schwelle zum Kontinent Afrika.

Hand aufs Herz: Das ist nicht schön! Ich habe schon viele Fähren, Häfen und Linien erlebt, sei es in den USA, Kanada, Japan oder Europa. Marokko, ja ganz Afrika, ist gewiss sehenswert und mehr als nur eine Reise wert, aber diese Begleitumstände an den Grenzen der beiden Kontinente machen zumindest das Hobby “Reise & Ferry Spotting” nicht empfehlenswert. Es gibt schönere Fahrtgebiete dafür. Unvergessen ist für mich z. B. eine Fahrt auf der Fähre CHELAN der Washington State Ferries zwischen dem kanadischen Sidney und dem US-amerikanischen Anacortes, wo mich das Personal fast schon zum Fotografieren drängen musste und voller Freundlichkeit und ohne jegliches Misstrauen Tipps für gute Motive gab. Fotos? Natürlich! Selbstverständlich! Alles andere wäre doch verrückt!

Und wenn ich daran denke, wie freundlich man auf der japanischen FERRY AZALEA zu mir war, als ich von Tomakomai nach Akita fuhr! Ein gelungenes Beispiel für gutes, stilvolles und angenehmes Reisen zur See. Es muss kein Luxusliner sein – guter Service und Freundlichkeit kompensieren so manch andere Schwächen.

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37 Dienstjahre – und (noch) kein Ende. Nakskov Skibsværft hat gute Arbeit abgeliefert. Während die Bauwerft schon seit 20 Jahren nicht mehr existiert, fährt ihr Produkt immer noch munter durch die Gegend.

Hier, im Gebiet zwischen Spanien und Afrika dagegen allenthalben Misstrauen, Beobachtung und behördliche Miesepeter (von einigen griechischen Seeleuten abgesehen, die bunte, freundliche Farbtupfer setzen). Übrigens auch auf spanischer Seite, wie ich erneut im Hafen von Algeciras feststellen muss. Fotos? “Impossible” sagen mir zwei böse dreinblickende Beamte der Hafenpolizei, nachdem ich mal kurz für 5 Minuten an einer Kaimauer stehe und eine Fähre aufnehme, die mehr als 30 Jahre auf dem Buckel hat und nun wirklich niemanden außer einigen wenigen Freaks interessiert. Aber das ist eben “impossible”. Eine Begründung gibt es nicht. Übrigens: Nicht in einem Sperrgebiet des Hafens oder sonstwie “security-brechend” erschlichen, sondern in einem für jeden zugänglichen Bereich. Und ich weiß sehr genau, was ISPS bedeutet, denn ich war Mitglied einer Projektgruppe zur Einführung dessen im Jahre 2003 / 2004.

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Abschied von der alten PRINS JOACHIM. Nach so vielen Jahren, die ich immer wieder mit diesem Schiff zu tun hatte, heißt es nun, am 31.05.2017, Abschied nehmen. Dieses ist mein letztes Bild des Schiffes, ehe ich zurück nach Malaga zum Flughafen reise. Ob ich sie nochmal wiedersehen werde? Sie bleibt mir als ein gutes Schiff in Erinnerung. Und wird immer ein Teil meiner privaten und beruflichen Lebensgeschichte sein.

Ohnehin: Keine der hier tätigen Reedereien (FRS und Inter Shipping testete ich nicht) kam bislang offenbar auf die Idee, Hin- und Rückfahrten anzubieten oder dem Passagier das Verweilen an Bord im Hafen zu ermöglichen. Das zeigt, dass es hier keinen Ausflugsverkehr gibt. Wer hier unterwegs ist, will irgendwo ankommen, hat als Ziel aber keinesfalls ein Schiff. Einfach nur mal eine Seereise zum Vergnügen machen oder eine bestimmte Fähre zu besuchen, wird in die Kategorie “Alien von außerhalb des Sonnensystems” verschoben. Das gibt es hier nicht, das ist nicht üblich, das macht man einfach nicht. Dabei, Ihr lieben Spanier und Marokkaner, wie lustig es wohl wäre, wenn Ihr mal ein paar Rentner-Tanzfahrten in See anbieten würdet? Mit DJ, Roland-Keyboard und Bingo-Spielen, kombiniert mit einem vernünftigen gastronomischen Angebot? Das wäre doch mal eine echte Innovation in Eurem so schrecklich ernsten, spießigen Tagesgeschäft oder? Hätte vielleicht sogar die strenge Hafenpolizei Spaß dran.

Für mich war es sicherlich das letzte Zusammentreffen mit der PRINS JOACHIM. Nach all den Jahren und unzähligen Seemeilen, die ich mit dem Schiff durch Wind und Wellen gereist bin, erst über den Großen Belt und später zwischen Gedser und Rostock und nun sogar von Europa nach Afrika, ist es nun vorbei. Das war es. Good Bye! Ein letztes Mal JOACHIM. Nun soll es gut sein. Obwohl, schon Sean Connery alias James Bond wusste: Sag niemals nie!

 

Fotogallerie: Eine Reise auf der MOROCCO STAR

Video: MOROCCO STAR, Algeciras – Tanger Med

Video: MOROCCO STAR, Tanger Med – Algeciras

 

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