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Durch die radioaktiv verseuchte Zone von Fukushima

28.06.2015 • Roadtrip Japan, Travel Blog


Auf meiner Fahrt von Hitachinaka nach Sendai dämmerte mir irgendwann, dass etwas nicht stimmte. Ich wusste natürlich, dass zwischen beiden Orten das 2011 havarierte Kernkraftwerk Fukushima Daiichi liegt, doch hatte ich eine Alternativroute weit daran vorbei vorgesehen. Wie es dennoch dazu kam, dass ich bis auf etwa 1200 Meter an das Katastrophen-Kernkraftwerk herankam, erzähle ich hier.

 

Mehr zum Thema Japan: http://justferries.de/japan

Wie? Bis auf etwa 1200 Meter nahe am Atomkraftwerk Fukushima Daiichi, jenem Ort der Nuklearkatastrophe von 2011? Hätte mir das jemand vorher erzählt, hätte ich ihn fassungslos angeschaut und mit den Augen gerollt. 1200 Meter? Geht so etwas überhaupt? Ich hätte nicht mal ansatzweise gedacht, dass es geht, ehe ich die Schornsteine des Kernkraftwerkes selbst sah und sogar fotografieren konnte.

Will man nach Japan reisen, so kann es vorkommen, dass man vorher folgendes von seinen Mitmenschen gefragt wird:

“Geht es auch nach Fukushima?”
oder
“Pass auf, dass Du nicht nach Fukushima kommst”
oder
“Willst Du etwa einen Abstecher nach Fukushima machen?”
oder
“Hast Du keine Angst vor Fukushima?”

Oder oder oder! War da noch etwas in Japan? Fuji? Tokyo? Kyoto? Malerische Küstenabschnitte? Die Alpen? Das Land, die Menschen und nicht zuletzt seine maritime Kultur u. a. in Form der so zahlreichen Fähren?

Nachdem ich diese und ähnliche Fragen zwei, drei mal gehört hatte, war ich etwas genervt. Zum einen, weil Japan weit mehr als nur Fukushima ist, zum anderen, weil es mich leicht erzürnte, wie jemand ernsthaft annehmen konnte, ich wolle nach Fukushima fahren.

Das Thema Fukushima war von Anfang an keines für mich, was bedeutete, dass ich die Reiseroute konsequent daran vorbei plante, erst recht, nachdem ich immer wieder nach Fukushima gefragt wurde. Auf meinem Weg von Hitachinaka nach Sendai wählte ich deshalb den Weg über Koriyama, zwar auch recht nahe dran, aber mit einem bequemen 50-km-Entfernungspolster. So programmierte ich es in mein Navigationsgerät ein.

DSC00233Manchmal kommen die Dinge aber anders als geplant und vielleicht hatten meine Mitmenschen hellseherische Fähigkeiten. Mein Navigationsgerät spielte an jenem Mittwoch, 27. Mai 2015, nicht mit. Es gab Probleme mit der Daten-Sim-Karte, kurzum, es ließ sich nicht benutzen. Zum Glück hatte ich aber ein weiteres Navi zur Verfügung, ein englischsprachiges japanisches Gerät. So tippte ich die Koordinaten von Sendai ein und los ging es. Was ich in jenem Augenblick allerdings völlig übersah, war die Tatsache, dass die “kürzeste Route” eingestellt war. Der Weg über Koriyama aber war nicht der kürzeste…

Der Tag war sonnig. Japan zeigte sich von seiner besten Seite. Ich fuhr also in Hitachinaka los und genoss die Fahrt über das Land.

Es war noch sehr früh am Morgen, ungefähr gegen 6.15 Uhr. Eine Polizeikontrolle am Straßenrand fiel mir ins Auge. Ich war sehr überrascht, denn Polizei sieht man in Japan weitaus weniger häufig als in anderen Staaten wie beispielsweise den USA. Aber die Polizisten schienen nur Präsenz zeigen zu wollen. So ging es weiter. Rechts kam irgendwann eine scheinbar verlassene Sega-Kinderspielhalle. Dann diverse Restaurants und Supermärkte, ebenfalls verlassen aussehend. Ich wunderte mich, wie ungepflegt das hier alles aussah. Japan hatte ich bis hierhin ganz anders kennengelernt. Diese Gegend passte nicht in mein bislang gewonnenes Bild.

DSC00191Je weiter ich kam, desto gespenstischer wurde die Szenerie entlang des Rikuzenhama Highways. Tankstellen, die nicht nur abgesperrt waren, sondern wo zwischen den Tanksäulen und Staubsaugern Gras wucherte. Dann wieder ebenso verlassen aussehende Restaurants, leere Wohnhäuser, abgesperrte Nebenstraßen. Irgendwann dann Autohäuser, deren Neu- und Gebrauchtwagen noch zum Anschauen herumstanden. Dann an bestimmten Seitenstraßen Wachpersonal mit Gesichtsmasken, fast einem Science-Fiction-Film gleich, in dem es um apokalyptische Untergangs-Szenarien geht.

Mir wurde mumlig. Sehr mulmig. War war denn hier passiert?

DSC00222Und noch ehe ich diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, dämmerte es mir. Diese Gegend, die den Eindruck machte, Hals über Kopf verlassen worden zu sein, war das radioaktiv verseuchte Gebiet um das Kernkraftwerk von Fukshima Daiichi. Ich war mittendrin, und zwar sowas von mittendrin, dass ich es erst gar nicht fassen konnte.

Irgendwann tauchte dann eine elektronische Straßenanzeige der radioaktiven Belastung auf und zeigte 4,137 Mikrosievert pro Stunde. Wie ich in Erfahrung bringen konnte, sollen beispielsweise in Süd-Deutschland die Strahlenwerte zwischen 0,08 und 0,13 Mikrosievert pro Stunde liegen.

DSC00261Im Fernsehen nimmt man derartige Dinge distanziert wahr, doch ist man plötzlich mitten drin im Schauplatz der einstigen Katastrophe und sieht dessen gewaltigen Auswirkungen, so raubt es einem den Atem. Ich war sehr tief beeindruckt von dieser gespenstischen Atmosphäre, die ich so noch niemals erlebt habe. Vom Himmel strahlte die Sonne, dazu eine japanisch-ländliche Idylle und Orte, in denen jeder von uns leben könnte, eben mit allem, was dazu gehört. Kleine Läden, Supermärkte, immer wieder Wohnhäuser, Zivilisationserscheinungen / -errungenschaften , wie wir sie alle kennen – doch alles verlassen, überwuchert, verfallend. Neue Autos, einst wartend auf Kunden, nun als mahnende Relikte, immer noch sorgfältig aufgereiht in der Ausstellung. Die für Japan so typischen Getränkeautomaten, immer noch am Straßenrand stehend, in die nie wieder jemand Geld einwerfen wird, um sich eine Cola-Flasche zu ziehen. Ein fast neuer Bagger am Straßenrad, mit Pflanzen überwuchert. Ein Kleinbus vor einem Restaurant, der da wie eingefroren parkte. Tausende Details aus einer atomar verseuchten Zone, die allesamt eine traurige Geschichte erzählen könnten.

DSC00327In einer Entfernung von etwa 1200 Metern Luftlinie führt die Straße am Kernkraftwerk Fukushima Daiichi vorbei. Die Schonsteine konnte ich sehen und fotografieren.

Irgendwann wurde alles langsam wieder normal und das Leben kehrte zurück. Bis nach Sendai ließen sich dennoch die Folgen des Erdbebens und Tsunamis von 2011 beobachten, noch immer wird hier rege wieder aufgebaut.

DSC00297Die Bilderserie wurde aus dem fahrenden Auto heraus gemacht und gibt nur ansatzweise die Dramatik wieder. Ich vermied es, anzuhalten, schon aus Unkenntnis über die radioaktive Belastung und deren Folgen für die Gesundheit. Auch wenn ich keinesfalls nach Fukushima wollte, so bin ich im Nachhinein doch froh, es erlebt zu haben, denn es ist (und wird bleiben) eine Erfahrung fürs Leben, die man vom Wohnzimmersessel aus im fernen Deutschland niemals machen kann. Aus dem Kino kennt man es zwar, verlassene Städte und Gegenden, in der Wirklichkeit aber fühlt man ein solches Geschehen wesentlich intensiver, dessen Folgen im krassen Gegensatz zu jenem schönen sonnigen Tag im Mai 2015 standen und eine Verstörung hinterließ, die mich noch lange danach beschäftigte.

Ich habe gelesen, man wolle das Gebiet wieder bewohnbar machen, in dem man den Boden bis zu einem Meter Tiefe abträgt, Bäume, Pflanzen und Vegetation abholzt und die Gebäude säubert. Angesichts der Größe des durchfahrenden Gebietes ist mir schleierhaft, wie so etwas jemals gelingen soll.

 

 

 

         

 

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